November 2021

Ein Turnhemd als Zeugnis schmerzhafter Erinnerung


Objekt aus dem Nachlass des jüdischen Fotografen Julius Frank

Von Dr. Karin Walter 



Am 9. November wird an das Pogrom des NS-Regimes gegen deutsche Juden im Jahr 1938 gedacht. In der Nacht auf den 10. November brannten Synagogen; Geschäfte und Wohnungen jüdischer Mitbürger wurden geplündert bzw. zerstört und Menschen ermordet. Damit hatten die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung eine neue Eskalationsstufe erreicht, die schließlich in den Holocaust führte. Die Diskriminierungen jedoch hatten bereits 1933, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, ihren Anfang genommen. Schnell wirkte sich dies auf den Alltag der Betroffenen aus, wie auch das Schicksal der jüdischen Fotografenfamilie Frank zeigt.

Über drei Generationen hinweg betrieben die Franks von 1872 bis 1936 ein überregional bekanntes, sehr erfolgreiches Fotoatelier in Lilienthal mit zeitweisen Zweigstellen unter anderem in Bremen. Ihre zunehmende Ausgrenzung aus der Dorfgemeinschaft dokumentierte der mit der Familie eng befreundete Lehrer und Heimatschriftsteller Karl Lilienthal in seinem Tagebuch. Erst der zufällige Wiederfund dieses ungewöhnlichen Zeitdokuments im Jahr 2004 veranlassten Harald Kühn und Peter Richter vom Lilienthaler Heimatverein, das zu diesem Zeitpunkt im Ort völlig verdrängte Schicksal der Familie Frank zu rekonstruieren und in dem Buch „Als die Hoffnung starb… Das Schicksal der jüdischen Fotografen-Familie Frank aus Lilienthal“ im Jahr 2005 zu publizieren. Darüber hinaus gelang es den beiden Heimatforschern, die noch lebenden Familienmitglieder in Amerika ausfindig zu machen. Sie stehen seitdem mit ihnen in einem guten Kontakt. Auf Einladung der Gemeinde kamen im Jahr 2005 die damals schon hochbetagte Hildegard, gen. Hilde Frank, Ehefrau von Julius Frank, dem letzten Atelierinhaber, und die beiden noch lebenden Kinder, Barbara und Mike Frank, auf Besuch nach Lilienthal. Zwei Stolpersteine vor dem noch erhaltenen ehemaligen Geschäfts- und Wohnhaus und eine nach Julius Frank (1907-1959) benannte Straße in Lilienthal halten heute das Gedenken im Ort aufrecht.

Das Turnhemd von Julius Frank, das er beim Turnverein Lilienthal trug.

Das Focke-Museum hatte bereits im Jahr 1985 Teile der Lilienthaler Fotoatelierausstattung geschenkt bekommen, ohne sich zu diesem Zeitpunkt der Bedeutung bewusst zu sein. Die Nachkommen des Ateliernachfolgers Fritz Hahn hatten nur lapidar mitgeteilt, dass der Vorgänger nach Amerika emigriert sei. Erst die Nachforschungen der Lilienthaler legten die Brisanz dieser Bemerkung offen. Der sensiblere Umgang mit Fragen der Provenienz führte dazu, dass auch das Focke-Museum im Jahr 2019 durch Vermittlung des Heimatvereins Lilienthal Kontakt mit der Familie Frank in Amerika aufnahm, um die Besitzverhältnisse der einst unrechtmäßig in die Sammlung gekommenen Objekte nachträglich zu klären. Die Reaktion darauf war sehr überraschend: Die Erben, Barbara und Mike Frank, stimmten nicht nur dem weiteren Verbleib der Atelierausstattung im Focke-Museum zu, sondern entschlossen sich auch, den in Amerika verwahrten Nachlass dem Focke-Museum und dem Heimatverein Lilienthal zu überlassen.

Das langwierige Zusammenführen des Nachlasses, zunächst in Amerika aus den weit auseinander liegenden Wohnorten der beiden Franks, sowie der anschließende Transport nach Deutschland verzögerte sich dann noch durch den Ausbruch der Corona-Pandemie um einige Monate. Als die zwei Kubikmeter große Kiste endlich im September 2020 in Bremen angeliefert wurde, stellte sich ein Gefühl freudiger Überraschung ein. Gemeinsam packten die Mitarbeiter:innen des Focke-Museums und Mitglieder des Heimatvereins Lilienthal die Kiste aus und stellten bald fest, dass darin sehr viel mehr enthalten war als alle erwartet hatten. Das umfangreiche Konvolut an Originalabzügen in allen Formaten, Negativen, Fotoalben, Urkunden, Büchern, Fotoapparaten, Schriftverkehr und anderen Archivalien wird derzeit im Focke-Museum gesichtet und inventarisiert. Die zahlreichen prämierten Aufnahmen, die in Deutschland und später auch in Amerika entstanden sind, wo Julius Frank weiter erfolgreich tätig war, werden ab November 2022 in einer Ausstellung im Focke-Museum und in einer dazu erscheinenden Begleitpublikation ausführlich gewürdigt werden.

Ein Objekt aus der Kiste aber rührte alle Anwesenden ganz besonders: Ein weißes Turnhemd, auf dessen Verpackung vermerkt war, dass es vom Turnverein Lilienthal stammt! Der engagierte Turner Julius Frank hatte dies offensichtlich in die Emigration mitgenommen und es blieb all die Jahre trotz widriger Umstände erhalten. Es überstand mehrere Umzüge der Familie innerhalb Amerikas, unter anderem 1947 unter erschwerten Bedingungen mit zwei kleinen Kindern im Auto und Wohnwagen von der Ost- zur Westküste der USA. Selbst nach Julius Franks Tod im Jahr 1959 bewahrte die Familie das Turnhemd noch weitere 60 Jahre auf.

Sport spielte im Leben von Julius Frank eine große Rolle. In den gleichfalls im Nachlass erhaltenen Fotoalben finden sich Bilder, die sowohl den leidenschaftlichen Turner und Leichtathleten in Aktion wie auch im Kreis der Kameraden des Turnvereins Lilienthal bei Wettkämpfen zeigen. So posierte er als 19-Jähriger 1926 mit drei weiteren jungen Männern im Sportdress. Laut Beschriftung auf der Rückseite traten sie beim Verbandsturnfest in Arbergen als Herrenstaffel des Turnvereins Lilienthal auf und siegten mit einer Zeit von 79 Sekunden bei der 6 x 100-Meter-Staffel. Weitere Aufnahmen zeigen ihn beispielsweise 1927 im Kreis der Turnerriege und 1932 als Teilnehmer der Lilienthaler Staffelmannschaft bei einem Auftritt in Oberneuland. Die Sportbegeisterung verband Julius auch mit seiner Freundin und späteren Frau Hilde Hammer (1914-2010) aus dem Nachbarort Timmersloh, die er etwa um diese Zeit bei einer Sportveranstaltung kennenlernte.

Julius Frank (zweiter von rechts) mit seiner Staffelmannschaft.

Wie Julius im Turnverein Lilienthal engagierten sich auch die anderen Familienmitglieder in örtlichen Vereinen, die Franks waren selbstverständlicher Teil der Dorfgemeinschaft. Gemeinsam wirkten sie bei der erfolgreichen Durchführung der für Lilienthal bedeutenden Festlichkeiten rund um die 700-Jahrfeier des Ortes im September 1932 mit. Ausführlich dokumentierte Julius Frank den Festumzug und verkaufte die Aufnahmen gewinnbringend als Ansichtskarten. Sein Bruder Ludwig (1909-1977), der zu diesem Zeitpunkt bereits als Schauspieler in Bremen tätig war, aber auch Julius selbst übernahmen Rollen bei einem zu diesem Anlass aufgeführten Theaterspiel.

Nur wenige Monate später begann die systematische Ausgrenzung der Franks. Die geschäftlichen Auswirkungen beschrieb Julius Frank 1936 selbst eindrücklich in Briefen an potentielle Käufer des Geschäfts: „Sie können sich denken, dass ich geschäftlich unter sehr grossen Schwierigkeiten zu leiden habe, die sich an einem kleinen Ort viel stärker auswirken wie inmitten einer Grossstadt“. […Es] war ja am 1. April 1933 der Boykott aller jüdischen Geschäfte, der sich in den darauffolgenden Wochen und Monaten sehr stark auf den Umsatz auswirkte […] Wenn ich Ihnen sage, dass ich z.B. für die Anfertigung von Passbildern fast ganz ausschalte [sic], dass es ferner ja sämtlichen Mitgliedern der Partei und ihrer Gliederungen untersagt ist, bei mir zu kaufen, bzw. sich photographieren zu lassen, dass ich fast meine ganze zahlreiche und sehr gute Beamtenkundschaft seit einiger Zeit verloren habe, dass ich nicht mehr für die Belieferung von Behörden, der Gemeinden, Schulen usw. in Frage komme usw…“.

Postkarte des TV Lilienthal mit Julius Frank in der oberen Reihe (zweiter von links). Sport war seine große Leidenschaft. Foto: Privatbesitz

Zur zunehmenden Ausgrenzung durch die Lilienthaler Bevölkerung  kamen für Julius Frank noch die schmerzlichen Folgen der 1935 erlassenen Nürnberger Gesetze. Diese stellten Ehen und sexuelle Kontakte von Juden mit „Deutschblütigen“ unter Strafe und unterbanden ihm damit offiziell den Kontakt zu seiner nichtjüdischen Freundin. Die Angst vor Denunziation war begründet, denn beide waren in der Region viel zu bekannt. Hilde zog deshalb nach Bad Godesberg und absolvierte dort von August 1935 bis Mai 1936 ein Haushaltsjahr bei einem Arzt. In der Fremde, wo sie keiner kannte, konnten sie sich weiterhin treffen.

Im August 1935 entschloss sich Julius Frank dann dazu, alles zu verkaufen und nach Amerika zu emigrieren. Der im Nachlass erhaltene Schriftverkehr und das Tagebuch von Karl Lilienthal geben beredtes Zeugnis von den Schwierigkeiten, mit denen Julius Frank in den Folgemonaten konfrontiert wurde, bis er endlich im Juni 1936 an Bord des SS „President Harding“ New York erreichte. Eins der schmerzlichen Erlebnisse ist durch die Tagebuchaufzeichnung Karl Lilienthals vom 4. Dezember 1935 überliefert: „Johanna Frank [die Mutter von Julius Frank] sitzt bei uns am Kaffeetisch. Zwei Kerzen brennen… Hanna erzählt aus ihrem Leben, ihrer Not, ihren Anfechtungen. Julius, der Sohn hat schwer gelitten. Jetzt ist er über das Schwerste hinweg. Am letzten Sonntag war Fest des Turnvereins. Er durfte nicht mitmachen. Sonst hat er vor Weihnachten seine Kräfte dem Verein gewidmet…“ .

Obgleich selbst der Turnverein Lilienthal ihn auf eine solch verletzende Art ausgrenzte, bewahrte Julius Frank in Erinnerung an die langjährige Vereinsmitgliedschaft das Turnhemd auf. Es symbolisierte offensichtlich für ihn ein Stück vertraute Heimat in der neuen Umgebung. Vor diesem Hintergrund wird das Turnhemd zu einem beredten Zeugnis für die Folgen von Antisemitismus. Im Museum können das Turnhemd und seine Geschichte als mahnendes Beispiel dienen, dass solche Ausgrenzungen nicht mehr passieren dürfen.

__________________________________________________________________________________

1. Zum Teil wortgleiche Zitate, die so in verschiedenen Schreiben von Julius Frank aus dem Zeitraum Herbst 1935 bis Mai 1936 zu finden sind (FM, Inv. Nr. 2020.141).

2. Ausführlich dargestellt in: Heimatverein Lilienthal/ Kühn, Harald/ Richter, Peter: „Als die Hoffnung starb… Das Schicksal der jüdischen Fotografen-Familie Frank aus Lilienthal“. Lilienthal 2005.

3. Ebenda, S. 26.