März 2021

Eine Kulturpolitik der Digitalität


eine kulturpolitik der digitalität

Das 66. Loccumer Kulturpolitische Kolloquium, das in Zusammenarbeit mit der Kulturpolitischen Gesellschaft Anfang März stattfand, beschäftigte sich mit der Frage nach einer Kulturpolitik der Digitalität. Eindrücke von Prof. Dr. Anna Greve, Direktorin des Focke-Museums – Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte.

Traditionell ist das Loccumer Kulturpolitische Kolloquium ein jährlicher Höhepunkt im Leben kulturpolitisch interessierter Menschen. In der ländlichen Abgeschiedenheit der niedersächsischen Provinz findet man sich zusammen, diskutiert drei Tage über ein Schwerpunktthema, tankt Theorie und tauscht sich über die bundesweite Praxis aus. Von besonderer Bedeutung ist dabei auch das abendliche Beisammensein von Menschen aus den Berufsfeldern freie Kulturszene, Institutionen, Verbände, Verwaltung und Kulturpolitik.

Dieses Jahr war alles anders. Erstmals tagte man digital. Die Vorträge waren nicht über den ganzen Tag verteilt, sondern an drei späten Nachmittagen konzentriert. Das machte es möglich, dass auch Menschen nach ihrer regulären Arbeit teilnehmen konnten. Einfacher war es auch, sich gezielt nur zu einzelnen Vorträgen dazu zu schalten. Die Zeit- und Reiseersparnis habe ich persönlich als Erleichterung empfunden. Auch das Gesellige kam nicht zu kurz. Am ersten Abend wurde mit dem Tool wonder.me ein digitaler Raum eröffnet, in dem man frei umherwandern und sich zu Gesprächen in selbst gewählter Gruppengröße zusammenfinden konnte. So waren die gezielten bilateralen Absprachen, die am Rande des Kolloquiums sonst auch stattfinden, problemlos möglich. Mit dem zu Hause eingeschenkten analogen Weinglas kam teilweise eine noch vertraulichere Atmosphäre auf, als es im analogen Loccum möglich gewesen wäre. Zumindest war dies mein Erleben. Sicher, wer keine Lust auf dieses digitale Experiment hatte, ging früh auf sein Zimmer – im übertragenen Sinne. Nachhaltig beeindruckt hat mich ein kurzes Gespräch, das ich mit einer Teilnehmerin führte, die als Avatar anwesend war. Solange sie eine menschliche Form hatte – als 3D-Simulation oder Comic-Zeichnung – fiel mir die Unterhaltung leicht. Als sie aber eine Katze wurde, war mir ein ernsthaftes Gespräch nicht mehr möglich. Als sie als gelbe Fläche verschwand, lag mir die Frage auf den Lippen „Wie fühlt es sich an, eine gelbe Fläche zu sein?“. Erst seit Beginn der Corona-Pandemie habe ich mich auf den digitalen Raum eingelassen und erlebe ihn immer wieder als inspirierende Neuerfahrung, die auch konkrete Ideen für das Museum der Zukunft generiert.

Am ersten Tag wurde in zwei parallelen Arbeitsgruppen über „Inklusion oder Exklusion durch Digitalität?“ und „Fördert oder beengt das Digitale Diversität?“ diskutiert.

Die konkrete Erfahrung, die wir aktuell im Focke-Museum machen, wurde auch von anderen Teilnehmer/innen bestätigt. An digitalen Angeboten, die gezielt als solche konzipiert sind, nehmen zur Überraschung der Veranstalter/innen sehr viel mehr Menschen teil als ursprünglich erwartet.

Insbesondere für politische Themen und solche jenseits des kulturellen Mainstreams kristallisiert sich der Erfahrungswert heraus, dass im digitalen Raum auch Menschen teilnehmen und sich einbringen, die sich nicht in eine analoge Kultureinrichtung oder zu einer Podiumsdiskussion aufmachen würden. Sich für eine Stunde vom Sofa aus zuzuschalten, beim Kochen einer Debatte zu lauschen oder in den Chat eine eigene Frage zu schreiben sind effektive Möglichkeiten, um neue Zielgruppen zu erreichen. Zu beobachten ist auch eine Demokratisierung in dem Sinne, dass unabhängig von Berufshierarchien und Funktionen eine bundesweite Vernetzung sehr viel einfacher möglich ist, aus der dann institutionsunabhängige, innovative Projekte, Solidarität und kollegiale Beratungen entstehen können. Das seit Anfang der Pandemie jeden Mittwochabend für eine Stunde tagende Netzwerk AgileKultur ist ein gutes Beispiel dafür.

Ausgeschlossen bleiben diejenigen, die von diesen neuen Netzwerken nichts wissen und diejenigen, die keinen persönlichen Zugang zur digitalen Welt finden. Insofern sind – wie in der analogen Kulturarbeit auch – das Eröffnen von Möglichkeiten durch Bekanntmachen und Weiterbildungsangebote zum Erwerb von (digitalen) Kompetenzen zur selbstbestimmten Nutzung des Angebots von zentraler Bedeutung. Hier tragen Kulturpolitik und Kultureinrichtungen gleichermaßen Verantwortung für ein neues Aufgabenfeld. Gehen wir davon aus, dass die Grenzen des Wachstums auch im Kulturbereich erreicht sind, werden wir dem nur durch radikale Umschichtungen innerhalb der gegebenen Budgets gerecht werden können.

Am zweiten Tag hießen die Arbeitsgruppen „Neuer öffentlicher Raum oder Rückzug ins Private?“ und „Neue Wertschöpfung oder Umsonstkultur?“. Neben zahlreichen Beispielen aktueller digitaler Angebote und Bezahlmodelle war von besonderem Interesse, dass nicht nur in den Kultureinrichtungen, sondern auch den Kulturverwaltungen zunehmend Stellen für digitale Referent/innen geschaffen werden. Dabei liegt der Fokus auf der digitalen Befähigung insbesondere freier Künstler/innen einerseits und der Entwicklung digitaler Angebote zur Förderung kultureller Teilhabe andererseits. Nicht die Ökonomisierung, sondern das Experiment mit neuen Formaten sowie das Führen eines kritischen Diskurses über ihre Vor- und Nachteile stehen dabei im Fokus.

Am dritten Tag wurde zu „Alter Wein in digitalen Schläuchen oder neue digitale Formate?“ und „Digitalität, Digitalpolitik und Kulturverwaltung“ diskutiert. Digitale Angebote sind dann erfolgreich, wenn sie „digital natives“ sind. Also von Anfang an als solche konzipiert sind und die entsprechenden Rahmenbedingungen, Qualitiätskriterien und spezifischen Useranforderungen erfüllen. Besonders gut werden sie angenommen, wenn sie einen Mehrwert gegenüber analogen Angeboten bieten. Dies kann beispielsweise eine höhere Beteiligungsmöglichkeit sein. In einer Arbeitsgruppe mit schwachen Referent/innen beobachtete ich, dass die Zuhörer/innen sich nicht einzeln auf ihren Stühlen – wie im analogen Raum – über die verlorene Zeit ärgerten, sondern schlicht im Chat eine interessante Paralleldiskussion untereinander führten.

Die durch die Corona-Pandemie erzwungene Beschleunigung des Experimentierens mit neuen digitalen Formaten legt offen, dass Kulturpolitik, Kulturverwaltungen, Kultureinrichtungen und freie Szene in Zukunft den Stellenwert des Digitalen in ihren jeweiligen Handlungsfeldern neu verhandeln müssen. Persönlich sehe ich in der Verankerung einer Kultur der Digitalität eine große Chance: Es ist möglich, ein zusätzliches, neues Publikum zu erreichen, eine Dialektik zwischen analogem und digitalem Raum ist denkbar, Hybridität wird wie Diversität ein Weg sein, um radikal verschiedene Systeme, Lebensarten und Denkweisen in einen Dialog miteinander zu bringen.