April 2021

Das koloniale Erbe der Museen


Kritische Weißseinsforschung in der praktischen Arbeit

Von Prof. Dr. Anna Greve

Das Deutsche Schifffahrtsmuseum Bremerhaven richtete am 8. und 9. April 2021 eine Konferenz zum Thema „Den ‚Anderen‘ sehen? Theorien und Geschichten der (Post) kolonialen visuellen Kultur“ aus. Prof. Dr. Anna Greve, Direktorin des Focke Museums – Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, sprach über das koloniale Erbe der Museen und die kritische Weißseinsforschung in der praktischen Arbeit. Den Vortrag finden Sie hier in einer gekürzten und überarbeiteten Form.



Foto von Teilnehmern einer Ostasien-Expedition und indigenen Menschen, sitzend und stehend vor einem Haus.

Unbekannter Fotograf, o. D., in: Fotoalbum Kleiner Kreuzer S.M.S. BUSSARD in Samoa 1895 – 1897

Vor 17 Jahren begann meine Beschäftigung mit der Kritischen Weißseinsforschung.[i] Ich stieß dabei auf viel Unverständnis, sowohl im wissenschaftlichen Umfeld als auch im privaten Kreis. Angehörige der weißen Mehrheitsgesellschaft fühlten sich meistens schon bei dem Begriff „Kritische Weißseinsforschung“ persönlich angegriffen und nahmen eine Verteidigungshaltung ein. Seitdem hat sich im deutschsprachigen Raum viel getan. „Weißsein“ ist zu einem allgemein akzeptierten Begriff geworden, um eine spezifische gesellschaftliche Position zu bezeichnen.

Wichtig war es mir damals, von „Kritischer Weißseinsforschung“   zu sprechen und nicht das englischsprachige „critical whiteness studies“ zu benutzen. Denn es ging nicht um die Übertragung eines angloamerikanischen Forschungsansatzes auf den deutschsprachigen Kontext, sondern vielmehr um das Herausarbeiten und Anknüpfen an eine deutsche und europäische Schwarze Tradition. Meine wissenschaftliche Arbeit war es, den von Schwarzen deutschen Literaturwissenschaftler/innen, Pädagog/innen und Historiker/innen entwickelten Untersuchungsansatz auf die deutsche bzw. europäische Kunstgeschichte zu übertragen.

1.    Wozu Kritische Weißseinsforschung?

2017 zeigte die Bremer Kunsthalle die Ausstellung „Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“. Mit der Kuratorin Julia Binter stand ich im Vorfeld der Ausstellung in engem Kontakt. Mit großem Engagement war sie um einen sensiblen und korrekten Umgang mit der Thematik bemüht. Als eine erste Plakatidee entstand, bat sie mich um eine Einschätzung. Die Intention war es, im öffentlichen Raum mit einem positiven Bild Schwarzer Menschen zu werben. Es war das Porträt eines Südseebewohners gewählt worden, das der bekannte europäische Künstler Emil Nolde (1867-1956) gefertigt hatte. So sehr ich die Absicht begrüßte, hatte ich dabei ein „komisches Bauchgefühl“. Ich riet, das Afrika Netzwerk Bremen zu fragen. Die Plakatidee stieß dort auf große Ablehnung. Die Halskette des Dargestellten wurde mit der Versklavung von Menschen assoziiert. In einem intensiven Prozess erarbeiteten Kunsthalle und Afrika Netzwerk ein neues Plakatmotiv. Sie wählten eine Liegende von Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), deren Geschlecht bewusst mit einem Textfeld als „Blinder Fleck“ bedeckt wurde.

An diesem und vielen anderen Beispielen sieht man, dass heute Multiperspektivität unverzichtbar ist. „Gut gemeint“ kann oft daneben gehen. Das erleben im Moment viele Firmen, die versuchen ihre Werbung mit unterschiedlich aussehenden Menschen zu gestalten. Häufig ernten sie dabei Rassismus-Vorwürfe, die sie gerade vermeiden wollten. Auch als Wissenschaftler/innen haben wir immer nur eine sehr eingeschränkte Weltsicht, die durch unsere persönliche Sozialisierung geprägt ist. Die Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven, das Lernen über andere kulturelle Kontexte können den Dialog und die Konfrontation nicht ersetzen. Die Kritische Weißseinsforschung ist ein Instrument, um die Relativierung des weißen Selbst zu fördern, um das Fragen und Hören anderer Positionierungen zu ermöglichen. Ziel ist das Teilen von Definitionsmacht.

2.    Wie funktioniert Kritische Weißseinsforschung?

Weiße Personen beschreiben sich über Alter, Geschlecht, Beruf, Religion, nicht aber in Bezug auf ihr Weißsein. Wenn sie betonen, das habe doch keinen Einfluss auf ihre Person, dann suggerieren sie Neutralität. Damit setzen sie zugleich Weißsein als universelle, neutrale Norm. „Rasse“ wird dann als nur Schwarze Menschen betreffendes Problem definiert. Durch die unkritische Negierung des Unterschieds werden einerseits die eigenen strukturellen Privilegierungen und andererseits die alltäglichen Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen Menschen geleugnet. Meistens geschieht dies aus Unwissen oder sogar in wohlmeinender Absicht. Wenn dies nicht bewusst reflektiert wird, kommt es dazu, dass grundlegende Verflechtungen von Wissenschaft und Herrschaft nicht aufgedeckt werden können. Dann wird bestehendes gesellschaftliches Unrecht fortgeschrieben. Auf dies zielt der Begriff „Kritische Weißseinsforschung“ ab.

Teilnehmer einer Ostasien-Expedition. Acht Männer in weißen Anzügen mit Tropenhelmen oder Strohhüten.

Unbekannter Fotograf, o.D., in: Fotoalbum Reise-Erinnerungen Afrika 1895

„Kritisch“ kommt vom griechischen „krinein“ und bedeutet „scheiden, trennen, sondern“. In Platons Theaitetos wird der Begriff explizit im Sinne von „das Wahre vom Falschen unterscheiden“ verwendet.

Im Deutschen wird der Begriff „Kritik“ seit dem 18. Jahrhundert insbesondere im Sinne von Immanuel Kant (1724-1804) benutzt. Kant verstand darunter die transzendentale Selbstkritik der Vernunft, die Beurteilung und Berichtigung der Erkenntnis. Sein Projekt der Kritik der reinen Vernunft bezieht er ausdrücklich auf die Vernunft als Vermögen, einen Schluss zu ziehen.

Zur Zeit Kants wurde „Kritik“ zum zentralen Begriff einer ganzen Epoche. Selber bezeichnete er die Aufklärung auch als „Zeitalter der Kritik“. Dass sie dennoch nur einen Anfang darstellte, war ihm dabei durchaus bewusst. Wenn wir heute davon sprechen, dass jemand „unkritisch“ ist, dann unterstellen wir, dass er bzw. sie nicht genau hinschaut, keine (offenkundigen) Unterschiede wahrnimmt und damit dem Gegenstand bzw. der Situation nicht gerecht wird. Wir folgen Kants Ausführungen zum Vernunftvermögen und setzen ein Urteilsvermögen voraus.

Die Frankfurter Schule knüpfte mit ihrer kritischen Theorie an diese Tradition an. Neu war die Einbeziehung des sozialen Kontextes in den Forschungsprozess und die Forschungsergebnisse. Im Gegensatz zu der in der Antike noch herrschenden Vorstellung einer von Gott gegebenen Weltordnung wurde nun der Mensch als Produzent seines sozialen Umfeldes in den Blick genommen. Also auch in der Herstellung von Differenz.

Seitdem wird vor die geisteswissenschaftlichen Disziplinen häufig ein „kritisch“ gesetzt, um anzuzeigen, dass es in Differenz zu dem positivistischen Wissenschaftsverständnisses des 19. Jahrhunderts nicht mehr nur um das Sammeln und Ordnen von Fakten geht, sondern diese vielmehr in ihrem historischen und sozialen Kontext analysiert und interpretiert werden. So etwa bei „kritischer Kunstgeschichte“.

Die Kritische Weißseinsforschung steht in dieser Denktradition und leistet als Theorie die Kritik der reinen weißen Perspektive und damit eine Dekonstruktion traditioneller (weißer) Sichtweisen. Konkreter ist sie eine Methode mit dem Ziel, die Perspektiven weißer Menschen von den Perspektiven Nicht-Weißer Menschen analytisch zu trennen, um diese gesondert zu Wort kommen zu lassen.

Bis heute umstritten sind dabei die zunächst absolut erscheinende Definition zweier Gruppen und die Zusammenfassung Nicht-Weißer Menschen unter der Bezeichnung Schwarze Menschen. Vielfach wird der umfassender erscheinende Begriff „People of Color“ verwendet. Da es mir um das Analysepotential der Theorie geht, bleibe ich bewusst bei den als Gegensätze definierten deutschsprachigen Perspektivbezeichnungen. Im Verlauf der Anwendung auf verschiedene Sammlungsarten und Museumstypen hat sich gezeigt, dass die analytische Schärfe nicht Differenzen festschreibt. Vielmehr kann sie verstärkt zur Selbstkritik der Vernunft führen, wodurch das Bauen von Brücken zwischen den Extremen möglich wird. Die Berichtigung der eigenen Erkenntnis wird auf diesem Wege motiviert, zur verbesserten Wahrnehmung unterschiedlicher Lebensrealitäten in der Grauzone dazwischen. Dadurch können blinde Flecken in der Kommunikation und im Handeln erkannt werden, wird ein gemeinsames Ringen um Positionen und Entwickeln von Zukunftsperspektiven möglich. So ist die Kritische Weißseinsforschung im Sinne der Kritik auch eine Klärung der Differenzen Schwarzer und weißer Perspektiven auf die Welt und zeigt, dass die Sichtweisen nur zusammengenommen der Wirklichkeit am nächsten sind. Von zentraler Bedeutung ist also die Anerkennung der Differenz.

Das bewusste Reflektieren und Arbeiten mit Begriffen ist für die  Kritische Weißseinsforschung wichtig. Als hilfreich hat sich die englischsprachige Differenzierung zwischen „image“ und picture“ erwiesen. So können wir von dem „Image Weiß“ sprechen, das von hell gemalter Haut im Gemälde transportiert wird. In der europäischen Kunstgeschichte spielen Farben eine ganz besondere Rolle. Insbesondere die Frage, wie man menschliche Haut darstellt, ist ein seit der Antike geführter theoretischer und praktischer Diskurs. Dabei wurde allerdings nur über helle Hautdarstellungen geschrieben. Obwohl auch dunkle Hautfarben vorkommen, sind meines Wissens keine Texte überliefert, in denen Maler über ihre Darstellung reflektieren würden.

Zwei weiße Menschen in weißen Anzügen und Tropenhelmen fotografieren etwas vor einem Haus. Es stehen mehrere schwarze Menschen und Kinder um die Weißen herum und beobachten sie.

Den anderen sehen. (c) Unbekannter Fotograf: „Behne und Brunswig auf Entdeckungsfahrt“, o. D. in: Fotoalbum Kaiserliche Marine. Erinnerungsalbum des Korvettenkapitäns Hermann Brunswig 1904 – 1914

3.    Was kann man mit der Kritischen Weißseinsforschung machen?

Wie oben ausgeführt, ist das grundlegende Prinzip der Kritischen Weißseinsforschung die eigene Erkenntnis, nicht neutral und wissend zu sein. Aufgrund der gegebenen Machtverhältnisse sind Schwarze Menschen von Geburt an gezwungen, sich mit der weißen Welt auseinanderzusetzen, sie zu analysieren, sich selbst in Bezug zu ihr zu setzen. Für weiße Menschen hat die Forschung verschiedene Phasen der Bewusstwerdung der Differenz definiert[ii]:

1. Phase: Verunsicherung. Das weiße Weltbild zerbricht durch die  Erkenntnis, dass es nicht neutral ist.

2. Phase: Abwehr. Man möchte nicht wahrhaben, dass dem so ist.

3. Phase: Scham. Man schämt sich, es nicht gewusst zu haben, möchte eine Ausnahme sein, andere belehren und von Schwarzen die Bestätigung bekommen, dass man lernt.

4. Phase: Schuld. Man möchte wieder gut machen. Wünscht sich, dass Schwarze Menschen einem verzeihen. Diese Phase führt beispielsweise zu einer großen Konjunktur des Themas Erinnerung, Umbenennung von Straßennamen und Errichtung neuer Denkmäler.

5. Phase: Anerkennung. Es wird die Differenz der Weltwahrnehmung akzeptiert. Weiße Personen sehen ihre eigenen Privilegien und nehmen strukturellen Rassismus in der Gesellschaft wahr. Sie können ihre Privilegien nutzen, um Macht zu teilen, in ihren Lebensbereichen aktiv zu werden, ohne andere zu belehren.

Mit diesem theoretischen Hintergrund und praktischem Methodenwissen kann Kritische Weißseinsforschung in der europäischen Kunstgesichte vielfältig eingesetzt werden. Von besonderer Bedeutung dabei ist:

1.    Das wissenschaftliche Selbst-Verständnis. Die Reflektion von Privilegien führt zu einer neuen Offenheit gegenüber anderen Perspektiven. Praktisch kann dies bedeuten, als weiße Person eine Vortragseinladung abzulehnen und stattdessen eine Schwarze Person zu empfehlen. Diese Person ist vielleicht weniger bekannt oder ihr Vortragsstil, Vortragsinhalt ist unbequemer für das weiße Publikum. Selber mache ich dies häufiger, heute allerdings war es mir wichtig, hier selber zu Ihnen zu sprechen.

2.    Ressourcenverteilung. Zunehmend wird in Deutschland diskutiert, ob Quoten eingeführt werden sollten, um Menschen mit Migrationshintergrund/-erfahrung sowie Schwarze Menschen stärker in die Wissenschaft, in die Museen zu bekommen. Tatsächlich stellt sich in jedem Bewerbungsverfahren die Frage: Entscheidet man wirklich nach neutralen fachlichen Kriterien oder ist es nicht einfach auch bequemer, jemanden einzustellen der oder die sofort ins Team passt? Wäre man bereit, sich mit anderen Perspektiven auseinanderzusetzen? Bis hin zu der Erkenntnis, dass man vielleicht strukturellen Rassismus in der eigenen Kultureinrichtung hat?

3.    Werktitel. Dieses Ölgemälde von Rubens (um 1613/14 entstanden, heute in den Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique) wird von vielen Kolleg/innen als unangenehm empfunden. Denn es wurde lange „Porträt eines Negers“ genannt. Man versuchte dies besser zu machen, indem man es „Porträt eines Afrikaners“ nannte. Ein Blick in die Quellen zeigt, dass es ursprünglich „Vier Temperamente“ hieß.

4.    Bildbeschreibung. Viele Jahre habe ich Studierende gebeten, das  Bild Madame de Maison-Rouge als Venus mit Taube (1757, heute in der Lynda and Stewart Resnick Collection) von Jean-Marc Nattier in einem Satz zu beschreiben (Das Bild finden Sie hier). Danach das Portrait d‘une négresse (1800,  heute im Musée du Louvre) von Marie Guilhelmine Benoist. Das Ergebnis: Bei weißen Personen wird die Hautfarbe nie oder nur selten genannt. Bei Schwarzen Personen immer. Die gewählten Begriffe sind nicht gleichwertig. Wenn man im Seminar darüber spricht, wird ein gleichwertigerer Umgang eingeübt.

Portrait einer schwarzen Frau mit Turban. Sie sitzt und entblöst eine Brust.

Marie-Guillemine Benoist: Portrait d'une negresse, Louvre Paris, Wikipedia Public domain

5.    Bildraum. Schwarze Menschen werden in der europäischen Kunstgeschichte nicht nur für bestimmte Rollen (wie den Heiligen König), sondern auch zur Gliederung des Raumes eingesetzt. Wenn man dafür erstmal sensibilisiert ist, findet man es in vielen Kontexten. Das kann einem bei der Bildinterpretation und Kontextanalyse weiterhelfen.

6.    Ikonografie. Körperfarben sind in der europäischen Kunstgeschichte weder neutral noch realistisch. Den Heiligen Mauritius gibt es beispielsweise in einer Variante mit heller Körperfarbe und in einer mit dunkler Körperfarbe.

7. Körperfarbe. Einmal sensibilisiert, entdeckt man auch die Bedeutung von Weißsein, der Farbe Weiß, heller Haut in Werken der europäischen Kunstgeschichte und kann sie zur Werkinterpretation hinzuziehen. Spannend ist auch immer die Frage: Was wird nicht dargestellt? Wer wird aus der Repräsentation ausgeschlossen? Wie würde man sprechen, wenn eine Schwarze Person anwesend wäre?

4.    Welche ToDos für die Zukunft stehen an?

Ich habe viel über das Thema Sensibilisierung gesprochen. Über die Notwendigkeit, die eigene Haltung als Wissenschaftlerin zu verändern. Auch andere haben dazu kluge Bücher geschrieben und Workshop-Konzepte entwickelt. Was noch fehlt ist die konsequente Umsetzung der Theorie in die Praxis. Dafür ist die Zeit jetzt reif.

Aktuell habe ich eine Doktorandin, die im Spielzeugmuseum Nürnberg arbeitet. Sie klassifiziert das dortige Blechspielzeug nach den Kategorien „rassistisch“/ „vielleicht rassistisch“. Sie hält in Datenblättern fest, ob stereotype Darstellungen zur Entstehungszeit schon rassistisch gemeint waren oder erst heute so wahrgenommen werden. Danach möchte sie unter Einbezug Schwarzer Menschen vor Ort eine Ausstellung konzipieren.

Auch ich arbeite im Bremer Landesmuseum aktuell mit Studierenden an der Veränderung von Vitrinen im Schaumagazin, die 2003 konzipiert wurden. Wir  entwickeln und überprüfen Kontextualisierungen durch Texte und Bilder,  künstlerische Interventionen und  ergänzende Perspektiven. Mit Sicherheit werden wir keine perfekte Lösung finden. Wir können nur Vorschläge machen. Ich begann mit der Frage in die Twitter-Gemeinde: Was sollen wir mit heute rassistisch anmutenden Objekten tun? Das Ergebnis:

Kontextualisieren: 80%

Kontrastieren: 5%

Wegräumen: 8%

so lassen: 7%

80 Prozent  der nicht repräsentativen Umfrage votierten für die Kontextualisierung. Wir werden weiterhin solche Zwischenfragen über die sozialen Medien stellen und zum Mitdenken anregen. Wenn die Ideen der Vitrinen-Umgestaltung der Studierenden umgesetzt sind, werden wir unsere Besucher/innen fragen: Wie findet ihr diese Umsetzung? Und von besonderer Bedeutung werden dabei für uns die Antworten Schwarzer Menschen, beispielsweise des Afrika Netzwerk Bremen, sein. Wir werden sie als Expert/innen fragen und auch entsprechend bezahlen. Denn es ist kein Ehrenamt, die eigene Minderheitenperspektive einer Kulturinstitution zur Verfügung zu stellen.

Als man 2003 im Schaudepot des Bremer Landesmuseums eine einzelne Schwarze Puppe unter lauter weiße setze, war das das sicherlich nicht rassistisch gemeint. Vielmehr steckte dahinter vermutlich die Absicht, auf die weiße Dominanz aufmerksam zu machen oder darauf, dass es auch andere Körperfarben gibt. Ein Blick in das Inventar hat zeigt, dass wir durchaus noch andere Schwarze Puppen haben. Untereinander sind sie sehr verschieden.

Teilnehmer einer Ostasienexpedition in weißen Matrosenanzügen mit Strohhüten auf einer Plantage.

Unbekannter Fotograf, o. D., in: Fotoalbum: Ostasienreise S.M.S. GNEISENAU 1909 – 1914

Meine Studierenden entwickelten die Idee, neben dieser Vitrine eine andere zu gestalten, in der sie das Verhältnis umkehren: eine weiße Puppe unter vielen. Sie wollen auch eine Rekonstruktion des „Doll Experiment“ zeigen, bei dem bereits in den 1940er-Jahren festgestellt wurde, dass kleine Kinder schnell sozial lernen, dass die weißen die Guten, die Schwarzen die Bösen seien. Entsprechend  reagieren sie auf Puppen mit verschiedenen Körperfarben. Bis hin zu dem psychischen Gewaltakt, dass sie sich selbst nicht als Schwarze identifizieren wollen. Der Vorschlag wurde gemeinsam von weißen Studierenden brasilianischer, griechischer und deutscher Herkunft erarbeitet. Noch vor der Vorstellung im Seminar fragten sie Schwarze Kommilitonen nach deren Einschätzung. Die Idee kam gut an! Nur Nutzer/innen-zentrierte, multiperspektivische Arbeit mit heterogenen Gruppen und das Selbstverständnis einer lernenden Institution werden uns weiterbringen!

[i] Vgl. ausführlich hierzu: Anna Greve: Farbe – Macht – Körper. Kritische Weißseinsforschung in der europäischen Kunstgeschichte, Karlsruhe 2013; Anna Greve: Koloniales Erbe in Museen. Kritische Weißseinsforschung in der praktischen Museumsarbeit, Bielefeld 2019.

[ii] Vgl. hierzu Linda van den Broeck: Am Ende der Weißheit, Berlin 1988, S. 114; Tupoka Ogette: exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen, Münster 2017, 27ff.