März 2021

Mehr als Modell und Muse


Mehr als Modell und muse

Kulturtipp: Biographie über Martha Vogeler

Martha um 1912 © Archiv Ww Verlag Foto: Rudolf Stickelmann

Martha als Mädchen mit Kornblumen im Haar; Martha als junge Frau im Reformkleid zwischen Birken; Martha unter dem Rosenbogen, die Tochter im Arm; Martha als Hausherrin auf der Terrasse des Barkenhoffs, Martha im grünen Seidenkleid mit einem Büchlein in der Hand: Viele Male hat Heinrich Vogeler die junge Worpswederin Martha Schröder gezeichnet und gemalt. In sich gekehrt, träumend bildete er sie als ätherische Schönheit ab. Seine Madonna aus dem Moor war ihm Modell und Muse, später Ehefrau, Mutter dreier Töchter, Hausherrin auf dem Barkenhoff, Hauptdarstellerin in seiner Lebensinszenierung, die die Verschmelzung von Kunst und Leben vorsah.

Dass Martha Vogeler in diesem Gesamtkunstwerk eine eigene Rolle spielte, als Kunsthandwerkerin und Gestalterin, beschreibt Gudrun Scabell in dem ersten Band ihrer Monographie „Martha Vogeler. Ein Leben mit Freunden in Dresden und Worpswede“.

1879 wird Martha Schröder als neuntes Kind eines Schullehrers und seiner Frau auf dem Hemberg, der heutigen Hembergstraße, geboren. Bereits mit fünf Jahren lernt sie handarbeiten, sie häkelt, stickt und fertigt Applikationen an, mit so viel Geschick und Freude, dass sie schon als Jugendliche Tischläufer und Aussteuern herstellt. Die Basis ihres späteren Schaffens ist gelegt.

Als Fritz Mackensen, Otto Modersohn und Hans am Ende nach Worpswede kommen, um nur die ersten Maler der Künstlerkolonie zu nennen, lernt sie eine neue Welt kennen, die Welt der Kunst. Sie ist 14 Jahre alt, als sie Heinrich Vogeler das erste Mal trifft, schon bald wird sie sein liebstes Modell werden und als kindliche Jungfrau seine von Mythen und Märchen gefärbten Bildwelten beleben. Vogeler lässt für die zarte Martha lange fließende Kleider nähen, er stilisiert das Mädchen vom Lande zu einer Jugendstil-Schönheit, die einmal an seiner Seite dem Barkenhoff vorstehen soll. Um diese Rolle ausfüllen zu können, schickt er sie nach Berlin, wo sie kunstgewerbliches Zeichnen lernt und fleißig die Museen besucht, in die Oper und ins Schauspiel geht. Später wechselt sie nach Dresden, nimmt Gesangs- und Klavierunterricht, beginnt mit Französisch und arbeitet als Directrice in einem Tapisseriewarengeschäft. In ihrer Freizeit stickt sie nach Vogelers Vorlagen.

Martha und Heinrich Vogeler © Archiv Ww Verlag Album

Gudrun Scabell macht in ihrer Biographie deutlich, dass Martha Schröder nicht nur das Geschöpf Heinrich Vogelers war. Sie entwirft vielmehr das Bild einer jungen Frau, die sich fortbilden möchte, wenn sie sich wohl auch manchmal von seinen Ansprüchen überfordert fühlt. Auch in Dresden nutzt sie die ihr eröffneten Möglichkeiten und pflegt Kontakte zu Künstlern, geht in Konzerte und Museen und lernt, sich in großbürgerlichen Kreisen zu bewegen. Hier legt sie das Fundament ihrer späteren Rolle als Hausherrin des Barkenhoffs, die sie mit ihrer Kontaktfreude, ihrem Sinn für Gastfreundschaft und ihrer Großzügigkeit ausüben wird.

Die Beziehung zwischen Martha Schröder und Heinrich Vogeler lebt von Beginn an von beider Interesse an der Kunst. „Und dann wollen wir arbeiten zusammen dass die Menschen staunen“, schreibt sie 1900 an ihren künftigen Ehemann. Sie setzt seine Entwürfe um und ist mit diesen Arbeiten in Ausstellungen vertreten, zum Beispiel in der Berliner Galerie Keller & Reiner, wo Kissenbezüge, eine Decke und ein mit Rosen verzierter Umschlag zu sehen sind, die sie bestickt hat. Später wird sie selber entwerfen, zum Beispiel formschöne, schlichte Silberkannen und Schmuck, Holzschnitte anfertigen, Keramikteller bemalen und Schilfmöbel gestalten, Letzteres für die Werkbundausstellung 1914 in Köln. Aus dem jungen Dorfmädchen hat sich eine selbstständige Kunsthandwerkerin entwickelt, die immer wieder Neues für sich entdeckt, beispielsweise das Weben.

1901, acht Jahre nach dem Kennenlernen, heiratet das Märchenpaar und lebt fortan auf dem Barkenhoff. Vogeler hatte das alte Bauernhaus in ein Jugendstil-Paradies verwandelt, häufiges Motiv seiner Bilder, Treffpunkt befreundeter Künstler und Künstlerinnen, darunter Otto Modersohn und Paula Becker, Rainer Maria Rilke und Clara Westhoff, Fritz und Hermine Overbeck. Doch der Freundeskreis löst sich nach wenigen Jahren schon wieder auf, und auch das Eheleben der Vogelers gelingt keineswegs so märchenhaft wie einst erträumt.

Zimmer einer jungen Frau im Haus Riensberg © Focke-Museum/Sigrid Sternebeck

Martha Vogeler leidet schon früh unter der häufigen Abwesenheit ihres gut beschäftigen Gatten, der als Maler, Radierer, Buchgestalter, Architekt und Inneneinrichter gefragt ist. In der Sammlung des Focke-Museums finden sich etliche Zeugnisse seines Schaffens, darunter ein Stuhl aus der Güldenkammer des Rathauses, ein Kamingitter für die Wohnung von Alfred Walter Heymel und vor allem das Zimmer für eine junge Frau, das in Haus Riensberg zu sehen ist.

Wohl noch mehr leidet die junge Mutter seiner drei Töchter unter seiner Unfähigkeit, ihr seine Liebe mitzuteilen. Martha geht Beziehungen ein, erst mit dem Bremer Maler Edmund Schaefer, später mit dem Studenten Ludwig Bäumer. Ihr Mann weiß es, hofft auf eine gute Wendung, spürt aber, dass er sie verloren hat. „Was sie mit mir lebte, war ein Irrtum“, schreibt er an Bäumer und gesteht das Scheitern seines Traumes von der Verschmelzung von Kunst und Leben ein. Die Vorstellung, mit der Ästhetisierung des Lebens verwirkliche sich auch das Gute und Wahre, erwies sich als Illusion.

Dass die sich emanzipierende Martha ihren Mann nach dem Ersten Weltkrieg verlassen und sich im Haus im Schluh ihre eigene Lebens- und Schaffensstätte aufbauen wird, wird die Autorin im zweiten Teil der Biographie beschreiben. Gudrun Scabell hat nicht nur das Leben Martha Vogelers akribisch und detailreich recherchiert, sie entwirft in ihrem reich bebilderten Band ein dichtes Bild einer Gesellschaft aus Künstlern und Künstlerinnen und ihren bürgerlichen Freunden und Förderern, ein lebendiges Panorama der künstlerisch so reichen Zeit um 1900.

Alexandra Albrecht

Gudrun Scabell: Martha Vogeler. Ein Leben mit Freunden in Dresden und Worpswede. Kellner Verlag, 24,90 Euro, 312 Seiten, 978-3-95651-262-9. Der Band ist im Shop des Focke-Museums und im Buchhandel erhältlich.