April 2021

Pioniere der Luftfahrt


Der Teller für Ehrenfried Günther Freiherr v. Hünefeld

Von Prof. Dr.-Ing. Bernd Hamacher

Am 12. April 1928 startete Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld mit seinen Piloten Hermann Köhl und James C. Fitzmaurice zu dem Atlantikflug, der ihn und Bremen weltberühmt machte: Nonstop überquerten sie von Irland den Nordatlantik von Ost nach West. Ein Porzellanteller in der Sammlung des Focke-Museums erinnert an dieses mutige und erfolgreiche Unternehmen. Dieser entstand in der von 1887 bis 1933 existierenden Rheinischen Porzellanfabrik Mannheim als Auftragsarbeit. In der Tellermitte ist in farbiger Malerei der NDL Dampfer Columbus auf hoher See dargestellt, mit dem die Helden wieder zurück nach Europa kamen, überflogen von der BREMEN D1167. Matt- und Blankvergoldungen bilden ein üppiges Rahmenwerk, in das oben drei Medaillons mit den Brustbildnissen von Hauptmann Köhl, Mayor Fitzmaurice und Freiherr von Hünefeld eingefügt sind.

Ehrenteller. Abgebildet sind die Kontinente Europa und Amerika, das Flugzeug, ein Schiff und Freiherr von Hünefeld, Mayor Fritz und Hauptmann Kohl.

Ehrenteller für Günther Freiherr von Hünefeld und seine Mitstreiter (c) Focke-Museum

Rückseite des Ehrenteller mit persönlicher Widmung von Prof. Hugo Junkers.

Tellerrückseite mit persönlicher Widmung von Prof. Hugo Junkers (c) Focke-Museum

Hünefeld war zwar kein gebürtiger Bremer, verkörperte aber die stolze Devise der bremischen Kaufmannschaft  „Buten un binnen / wagen und winnen“. Er wagte und gewann! In diesem Sinn war v. Hünefeld ein echter Bremer.  Aber was meint das? Auch in anderen Teilen Europas gab es damals Flieger, die daran arbeiteten, als Erste den Nordatlantik zu überfliegen. Es war aber ein Bremer, der schließlich Erfolg hatte. Warum? Das kann man hier nur skizzieren: Es reicht offenbar nicht, eine kühne Idee zu haben, es braucht auch Traditionen und ein Umfeld, in der eine innovative Idee erfolgreich reifen kann.  Das fand v. Hünefeld in Personen wie Cornelius Edzard und Henrich Focke,  dem Hubschrauber-Pionier und Sohn des Gründers des Focke-Museums. Sie verschafften ihm den Zugang zu Hugo Junkers in Dessau  und zu Bremern wie Geheimrat Dr. Strube vom Norddeutschen Lloyd und Ludwig Roselius, die sein Wagnis befürworteten und bei der Finanzierung halfen. Es braucht ein Umfeld, in dem eine kühne Idee zum Erfolg reifen kann – und da war Bremen damals offensichtlich gut aufgestellt. Buten un binnen / wagen un winnen war also nicht nur ein individuelles Leitbild, sondern bezeichnete sozusagen ein kulturelles Umfeld, in dem Wagnisse gedeihen konnten. Das ist der bremische Anteil an dem Rekordflug und darauf kann Bremen stolz sein.

Ein Jahr zuvor hatte Charles Lindberg vorgemacht, dass man mit einem Motorflugzeug den Nordatlantik nonstop überqueren kann. Sein Flug fand starke Beachtung und  hat Lindberg  zu einer der bekanntesten Personen der Luftfahrt gemacht. Allerdings ist ein Flug von New York nach Paris auch die leichtere Atlantikquerung, weil Lindberg durch die vorherrschenden westlichen Winde Rückenwind hatte. Auch ist die Nacht kürzer, weil sich die Erde bekanntlich nach Osten dreht und damit die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang im Fluge kürzer wird. Für die Gegenrichtung braucht man also ein Flugzeug, das deutlich länger in der Luft bleiben kann und eine Lösung, wie man den langen Nachtflug bewältigt. Daran waren bis dahin alle Versuche gescheitert, den Nordatlantik ohne Zwischenlandung von Ost nach West zu überqueren.

Aber das war nicht der einzige Unterschied zwischen den Atlantikflügen: Für Charles Lindberg war die Motivation für seinen Atlantikflug, den Orteig-Preis zu gewinnen. Charles Orteig war ein reicher Amerikaner, der 25.000 US-Dollar als Preis für den ersten Nonstopflug zwischen New York und Paris ausgesetzt hatte. Diesen Preis wollte Charles Lindbergh gewinnen. In diesem Sinne war Lindberg eher ein Abenteurer, der den Wettbewerb suchte.

v. Hünefeld hatte dagegen klar professionelle Ambitionen: Als Pressechef des Norddeutschen Lloyd erkannte er die künftige Bedeutung der Luftfahrt für den nordatlantischen Passagierverkehr und taufte deshalb absichtsvoll das Flugzeug Junkers W33 und ihr Schwesterflugzeug auf die Namen BREMEN und EUROPA – in Analogie zu den damaligen Flagschiffen des Norddeutschen Lloyds im Nordatlantikverkehr, die ebenfalls BREMEN und EUROPA hießen. Denn ursprünglich wollte er die Atlantiküberquerung mit zwei Flugzeugen machen, was nicht gelang. Dennoch war die treibende Absicht, Werbung für den Norddeutschen Lloyd zu machen und Visionen für den Passagierverkehr aufzuzeigen.

Diese Professionalität gilt auch für den Piloten Hermann Köhl. Wie der ehemalige Lufthansa-Kapitän Hans Rahmann jüngst herausgefunden hat, erkannte Hermann Köhl, dass man so einen langen Flug nicht allein pilotieren kann und einen zweiten Piloten braucht, mit dem man sich abwechselt und das Flugzeug gemeinsam fliegt. Das war damals völlig unüblich. Bestenfalls flog ein Mechaniker mit, der sich um die Technik kümmerte. Köhl fand diesen zweiten Piloten mit dem Iren James C. Fitzmaurice und entwickelte mit ihm wohl erstmalig Verfahren, wie man mit zwei Piloten einen Langstreckenflug organisiert. Das ist in der gewerblichen Fliegerei heutzutage üblich, und Hans Rahmann erinnert sich, dass zu Beginn seiner Pilotenkarriere im Transatlantikverkehr Diagramme verwendet wurden, die in der Struktur von Köhl/Fitzmaurice für den Atlantikflug entwickelt wurden. Der Atlantikflug war also eine Blaupause dafür, wie man Langstreckenflüge professionell durchführt.

Auch Prof. Hugo Junkers war ein Profi: Als begnadeter Ingenieur und Unternehmer hatte der mit der „W33“  ein modernes Transportflugzeug entwickelt, das er industriell vermarkten wollte. Dabei erkannte er natürlich, dass ein erfolgreicher Langstreckenflug das Vermarktungspotenzial für seine „W33“ weltweit erhöhen würde. Aus diesem Grunde unterstützte er die Atlantikflieger nicht nur bei der Vorbereitung und Durchführung ihres Fluges, sondern hat im Vorfeld auch eine aufwendige Publicity-Tour durch die USA vorbereitet, die er mit seiner Firma auch durchgezogen hat, als die Atlantikflieger erfolgreich in Nordamerika gelandet sind. Es waren also keine Abenteurer, die diesen Atlantikflug organisiert haben, sondern kühl kalkulierende Profis. Gerade Prof. Hugo Junkers wird als ein Mann beschrieben, der mit hoher Professionalität arbeitete, aber als Person eher unnahbar blieb.

Innenstadt im Bremen. Eine Autokarawane zieht die Langenstraße entlang. Die Gebäude sind geschmückt und es stehen Menschenmassen zu beiden Seiten der Straße, die begeistert winken.

Empfang der Ozeanflieger in Bremen (c) Bundesarchiv_Bild_102-06092

Deshalb ist es schon bemerkenswert, dass Hugo Junkers seinem Partner v. Hünefeld einen Teller mit der eingebrannten handschriftlichen Widmung „Meinem hochgeschätzten Piloten E. G.  Freiherr von Hünefeld“ geschenkt hat. Nach dem Flug sind die Atlantikflieger mit Ehrentellern überhäuft worden und Hugo Junkers war Teil des Erfolges. Insofern war es gar nicht angesagt, dass Hugo Junkers auch noch einen Ehrenteller beisteuert, noch dazu mit einer so persönlichen Widmung.   Es ist noch herauszufinden, ob auch die beiden anderen Atlantikflieger einen solchen Teller von Hugo Junkers bekommen haben oder dieser Teller ein Ausdruck besonderer Wertschätzung für v. Hünefeld  war. Bis dahin ist es aber ein besonderer Schatz, der ins Focke-Museum gelangt ist und bisher eher unbeachtet blieb.