Februar 2021

Statt Karneval – „Commedia dell‘ arte“


statt karneval

Ein Besuch der Porzellanfiguren der „Commedia dell‘ Arte“ in Haus Riensberg

Der venezianische Karneval fällt in diesem Jahr pandemiebedingt aus. Berühmt ist er für seine aufwendigen Masken, die schon im 14. Jahrhundert Erwähnung finden. Kein Wunder, dass sich in Venedig auch die Commedia dell’Arte entwickelte, die ebenfalls mit Masken spielte. Ihre Figuren waren so beliebt, dass sie auch in Porzellan abgebildet wurden, wie ein Streifzug durch die Sammlung des Focke-Museums zeigt.

Harlekine

Der klangvolle italienische Begriff Commedia dell‘ Arte bezeichnet zunächst nicht mehr als eine professionelle, d.h. vom Publikum bezahlte Schauspielkunst, die im 16. Jahrhundert in Venedig ihren Ausgang genommen hatte. Freilich unterschied sich diese von anderen Theaterformen, indem sie, ganz auf szenische Wirkung bedacht, Typen darstellte und nicht Individuen in ihrer sittlichen Weiterentwicklung. Es handelte sich um ein hierzulande auch unter dem Namen „Stegreifspiel“ bekanntes Improvisationstheater. Seine gestische Vielfalt und eine ausgeprägte Körpersprache, welche die einzelnen Charaktere identifizierbar machen, haben die Commedia zu einem interessanten Sujet für die bildenden Künste und hier besonders für die figürliche Porzellankunst werden lassen. In Fürstenberg hat man diesem Thema eine der drei großen frühen Figurengruppen gewidmet. 1753/54 schuf der gerade als Bossierer und Modellmeister engagierte Johann Simon Feilner fünfzehn etwa 20 cm hohe Figuren; „Statuen Komedie vorstellen“ wurden sie in der Manufaktur genannt.

Zur Entstehungszeit der Fürstenberger Porzellanstatuetten war Paris das Zentrum der Commedia dell‘ Arte, verlor hier aber im Laufe des Jahrhunderts an Bedeutung und wurde schließlich während der Französischen Revolution verboten. In Paris war der seit dem 17. Jahrhundert tradierte Typenkatalog um Personal aus dem Théatre Italienne ergänzt worden, das durch die Gemälde Antoine Watteaus und Nicolas Lancrets einige Berühmtheit erlangt hatte. Dieses Typenkatalogs bemächtigten sich die Modelleure der bedeutendsten europäischen Porzellanmanufakturen ihrer Zeit: Kaendler in Meißen, Bustelli in Nymphenburg und Feilner in Fürstenberg. Die Erkennbarkeit von Themen und deren Verankerung im visuellen Gedächtnis garantierten schließlich den Manufakturen einen Absatz ihrer kostspieligen Preziosen. Als Vorlagen für die Porzellanplastiken dienten weit verbreitete Druckgraphiken. Feilners Arbeiten folgen mit großer Detailgenauigkeit in Gestik und Pose einer Stichserie, die 1720 im Nürnberger Verlag von Johann Jacob Wolrab entstand.

Capitano

Ragonde

Die Ragonde, eine der fünf Figuren im Sammlungsbestand des Focke-Museums, trägt abweichend von der Stichvorlage ein blumig gemustertes Gewand, seine Schnittführung aber ist identisch ebenso wie die selbstbewusste Körperhaltung mit den in die Taille gestemmten Händen. Lebenslust und Koketterie der Dargestellten betont auch die Legende der Stichvorlage: „Ein Weibchen so wie ich noch jung galant und schön Kan keine Sclavin nicht von ihrem Manne heißen Ich wolte meinem bald den Kopf in Stücken schmeissen Wenn seine Eyffersucht mich nicht ließ extra gehn. Ich weiss das mancher mich um solchen Vorsatz lobt Deßwegen will ich auch hinfort dabei verbleiben. Und die Galanterie so lang zum Handwerck treiben Biß mein verliebter Geist genügsam ausgetobt.“

Pantalon

Darum ging es also in den Stegreifspielen der zum großen Teil maskierten Akteure, um die menschlichen Affekte und Unzulänglichkeiten, um die Konflikte zwischen der sozialen Unterschicht der Zanni und den Vecchi, den Angehörigen der reichen Oberschicht. Zu diesen gehört Pantalone, ein griesgrämiger Modegeck in rotem Anzug und langem schwarzen Mantel, ein alter geschäftstüchtiger Geizhals, der jungen Mädchen hinterher läuft, seine Dienerschaft drangsaliert und zugleich ihr Opfer ist. Auch der fesche Capitano ist ein Unsympath, ein rechter Miles Gloriosus, bei dem sich außerordentliche Prahlerei mit einem ebengleichen Maß an Feigheit paart. Zu den Zanni gehört die Columbine in der Rolle einer Magd oder Köchin. Ihr ist das gekünstelte Gehabe der Oberschicht völlig fremd; mit Lebenslust und Selbstsicherheit zieht sie zahlreiche Verehrer an, deren Zudringlichkeiten sie sich aber auch zu erwehren weiß.

Wenngleich die Commedia dell‘ Arte im 20. Jahrhundert in abgewandelter Form auf den europäischen Theaterbühnen zu finden ist, ein authentisches Nachleben feiert sie alljährlich an ihrem Ursprungsort im venezianischen Karneval, der dieser die eindrucksvollsten Masken und Charaktere verdankt.

Dr. Uta Bernsmeier

Columbine