Juni 2021

Die Thomaskatastrophe


„…alles im Umkreis in die Luft gesprengt“
Die Thomas-Katastrophe

Von Asmut Brückmann

Explosion am Kai – Verletzte und Tote – Kaufmannsfamilie unter den Opfern! So ähnlich hätten wohl die Schlagzeilen gelautet, wenn es 1875 schon Boulevardblätter gegeben hätte. Der 11. Dezember dieses Jahres ist ein schwarzer Tag in der Erfolgsgeschichte Bremerhavens. Das vor knapp 50 Jahre gegründete Tor Bremens zu den Weltmeeren ist zur Stadt gewachsen und hat sich zum beliebten Auswandererhafen entwickelt. Staunend beobachtet der Schriftsteller Hermann Allmers aus Rechtenfleth um 1850 das bunte Treiben: Zwischen dem Matrosengewimmel waren es lange Zeit vornehmlich die deutschen Auswanderer, welche unsere Blicke fesselten. Zu allen Stunden des Tages sah man sie mit Weibern und Kindern in zahlreichen Gruppen am Hafen, meistens müßig schlendernd und gaffend, oder auf Kisten und Ballen gelagert […]. Niedersachsen, Hessen und Franken bildeten die größere Menge derselben; mitunter erschienen auch Böhmen, Mähren, Pfälzer und Schwaben, so dass man doch manche interessante Volkstracht erblickte, namentlich bei den Frauen […]. Die Männer, namentlich die jüngeren, sind oft abenteuerlich und phantastisch gekleidet. Sie wollen, wie es scheint, ein gewisses Bewusstsein der Unabhängigkeit, der Losgebundenheit von Zucht und Sitte zur Schau tragen. Sie wissen, hier kennt sie keiner; […] sie haben sich losgerissen von allem, was ihnen in der Heimat nahestand. So ähnlich muss man sich auch die Situation im Winter 1875 vorstellen: Um die Mittagszeit des 11. Dezember liegt der Passagierdampfer „Mosel“ des Norddeutschen Lloyd startklar am Kai. Das auf einer schottischen Werft für den Verkehr in die USA gebaute Schiff ist drei Jahre alt und verfügt außer dem Dampfantrieb über zwei rahgetakelte Masten. Noch vor Weihnachten soll es über den „großen Teich“ gehen. Die Maschinen stehen schon unter Dampf. Nun gilt es Abschied zu nehmen. Trotz Wind, Frost und Eisgang wimmelt es an der Mole von Bremerhaven von Menschen. 576 Passagiere haben die Überfahrt nach New York gebucht. Meist Auswandererfamilien, die in der Neuen Welt ihr Glück versuchen wollen. Sie müssen mit engen Verschlägen im preisgünstigen Zwischendeck vorliebnehmen. 74 Fahrgäste haben sich in der ersten und 147 in der zweiten Klasse einquartiert. Der Bugsierdampfer „Simson“ hat das Schiff bereits durch die Schleuse in den Vorhafen geschleppt. Dort stoppt Kapitän Leist noch einmal kurz, um letzte Gepäckstücke an Bord zu nehmen.

NDL-Dampfer "Mosel" kurz vor der Thomas-Katastrophe (Inv.Nr. B.0748d und B.0748e); dazu 2001.181 und A.677b (Kostenübernahme für Ermittlungen eines dt. Kriminalbeamten in England)

Die Familie Etmer  

Noch herrscht eine fröhliche, sicherlich mit etwas Abschiedsschmerz gemischte Stimmung. Niemand ahnt etwas von dem Unheil, das als sogenannte „Thomas-Katastrophe“ in die Geschichte eingehen wird.  Mit am Kai steht die vielköpfige Familie des umtriebigen Kaufmanns Johann Philipp Etmer. Ursprünglich in Bremen ansässig, hat er Anfang der 1850er-Jahre in Bremerhaven in Hafennähe ein eigenes Geschäft eröffnet und eine Familie gegründet. Der inzwischen 50jährige Etmer wird von seiner zweiten Ehefrau Auguste begleitet, die er kürzlich geheiratet hat. Seine erste Frau Adelheid, die Mutter seiner sieben Kinder, ist vor drei Jahren an Lungenentzündung gestorben. Mit dabei sind die erwachsenen Töchter Johanne, genannt Hanni, und Emma mit ihren Ehemännern, Christian Claußen und Wilhelm Glauert, sowie die neunjährige Gertrud und der 15jährige Johann (genannt Johnny). Zwei weitere Töchter fehlen, die älteste Adelheid wegen Erkältung und Marie war verreist. Sie stehen am Kai, um den ältesten Sohn Gustav zu verabschieden: Der 22jährige hat nach der Schulzeit im Handelshaus der Gebrüder Melchers in Bremen eine kaufmännische Lehre absolviert. Seine Chefs haben ihm nun eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen: Er soll sich um die Neuorganisation der Melchers-Niederlassung in der mexikanischen Hafenstadt Mazatlán kümmern, in die ein neuer Teilhaber eingetreten ist. Die Passage über den Atlantik auf der „Mosel“ ist die erste Etappe der langen Reise.

Das Familienfoto zum 50. Geburtstag des Kaufmanns Johann Philipp Etmer (21.5.1875) zeigt seine sieben Kinder, (c) Focke-Museum

Das jüngste Mitglied der Familie, die knapp einjährige Elisabeth, Tochter von Johanne und Christian Claußen, ist zu Hause geblieben. Von ihr stammt eine Familienchronik, die sie gut sechzig Jahre später, als alte Frau, niedergeschrieben hat. Die Kladde in Sütterlinschrift enthält auch eine ausführliche Schilderung des Unglücksmorgens von Bremerhaven. Die sehr persönlichen und berührenden Aufzeichnungen wurden in der Familie aufbewahrt. Elisabeths Enkelin, also Johannes Urenkelin, hat sie vor ein paar Jahren dem Focke-Museum übergeben.

Feuergarbe und furchtbarer Knall – aus Elisabeth Claußens Familienchronik                      

Inzwischen wurde die Zeit immer kürzer, die Reisenden und die Auswanderer, die noch nicht alle auf dem Schiff waren, sollten an Bord gehen – man sagte sich so die letzten lieben Worte. […] Allen lieben Verwandten und Freunden, die Gustav bis ans Schiff gebracht hatten, sagte er noch ein freundliches Wort, ein Lebewohl – da sah man wie von den zwei Wagen, die noch Güter aus einem Eisenbahnwaggon bis ans Schiff gefahren hatten, der letzte abgeladen wurde. Von dem ersten Wagen wurde ein Fass eben von einigen Arbeitern abgeladen – in diesem Augenblick ereignete sich das Entsetzliche – es erfolgte eine so furchtbare Explosion, dass alles im Umkreis in die Luft gesprengt wurde, mit einer riesengroßen Feuergarbe und einem furchtbaren Knall, der viele Kilometer weit an der ganzen Unterweser gehört wurde.

Augenzeugen sagten später aus, sie hätten aus einiger Entfernung auf dem Deich stehend beobachtet, wie eine dichte schwarze Wolke gleich einer Säule sich erhoben hätte, dann auseinandergeflogen sei und wieder zurückgesunken unter stärkstem Getöse und Knall. Dabei sind einige Teile sehr weit fortgesprengt. Man hat später außer Leichen auch Trümmer, Holzteile aller Art und grausig verstümmelte menschliche Gliedmaßen und Köpfe im Wasser des Hafens sowohl wie auch im weiten Umkreis der Unglücksstätte an Land und auf den Schiffen gefunden. […]

Ohne die Besinnung verloren zu haben, blickte Mutter [Johanne Claußen] um sich, sah wie ihr Schwager Wilhelm Glauert seiner Frau das Blut vom Kopf, den er auf seinem Knie gebettet hatte, immer wieder mit dem Taschentuch abwischte – wie die kleine neunjährige Schwester Gertrud ohnmächtig dalag, in dem Chaos rings umher, sah auf ihre linke Hand, die so eigentümlich sich anfühlte und brannte – mit ihrer rechten legte sie sie auf ihren Pelzmuff und sie begriff nichts mehr in dem Wirrwarr. Dann kamen aber schon gleich Hafenarbeiter und andere Leute angelaufen um zu helfen. In der Nähe lagen aufgestapelte Balken, darauf setzten die Helfer erstmal einige Verletzte, auch meine Mutter, die dann bat, das kleine Mädchen, ihre jüngste Schwester, die dort läge, zu ihr zu bringen. Vergeblich hielt sie in großer Angst und Sorge Ausschau nach ihrem Christian – sie hat ihn nie mehr gesehen – vorbei.

Die Verletzten wurden abtransportiert. Die am schwersten betroffene Familie war die unsere. Sämtliche männlichen Familienmitglieder tot: Johann Philipp Etmer mit seiner 2. Frau, seinen 2 Söhnen und seinen zwei Schwiegersöhnen musste diesem grauenvollen Mordplan zum Opfer fallen. Seiner Tochter Hanni [Johanne] wurde noch am Nachmittag des Schreckenstages die linke Hand amputiert. Von Johann [Johnny] ward nicht das Geringste wiedergefunden, seine sterblichen Überreste sind mit den unendlich vielen Einzelteilen, die buchstäblich in Stücken vom Himmel geregnet sind, in einem großen Massengrab auf dem Friedhof in Lehe beigesetzt. […]

Wilhelm Glauert, der sich noch um seine Emma mühte, hatte selber schwere innere Verletzungen durch Eindringen von Holzteilen in den Unterleib, denen er noch am selben Tag erlegen ist. Seiner Frau waren in beiden Ohren die Trommelfelle geplatzt, außer anderen kleineren Körperverletzungen. Die kleine Gertrud hatte den Verstand verloren und war die erste Zeit nach dem Unglück vollkommen irre. […] Hanni wusste einstweilen noch nicht, was ihr der Tod entrissen hatte und fragte immer wieder nach dem Ergehen ihrer Eltern und besonders ihres Christian. Sie wollte alle Einzelheiten wissen, was er gegessen, ob er Schmerzen hätte usw., usw.

Die Mole nach dem Bombenanschlag, unbekannter Zeichner, https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_die_Mosel#/media/Datei:Steamship_Mosel_bombed_1875.jpg

Von den Etmers, die am Kai waren, überleben nur die Töchter Johanne, Emma und Gertrud. Die kleine Elisabeth muss nun ohne ihren leiblichen Vater Christian aufwachsen. Immerhin hat ihre Mutter die Erinnerung an den Vater so gut es ging in ihr lebendig erhalten. Sie hat ihr viel von ihrem Vater erzählt und – verständlicherweise – ein idealisiertes Bild des Verstorbenen vermittelt, das Elisabeths Neugier und Interesse geweckt hat: Meine Mutter sprach sehr oft von meinem Vater, damit ich ihn möglichst genau kennenlernen sollte. […] Manchmal nehme ich mir Fotografien von ihm […] vor und studiere und vergleiche die Gesichtszüge, finde Ähnlichkeiten bis in die jüngste Generation und freue mich daran. Mutter erzählte, wie ihr Christian stets sehr eigen und adrett auch in seinem Äußeren gewesen sei. […] Und so wie im Äußeren sei auch seine Gesinnung so hochanständig und sauber gewesen und stets so hilfsbereit und mitfühlend, wo „Not am Mann“ war.

Ein mörderischer Plan  

Auf der Suche nach dem Schuldigen gerät schon bald ein schwergewichtiger Erster-Klasse-Passagier in Verdacht, ein Mann von Mitte vierzig mit imposantem Vollbart und Stirnglatze, der – so heißt es – gerne zur Schnapsflasche greift. Man hat aus seiner Kabine einen Schuss gehört, die Tür aufgebrochen und ihn dort mit blutverschmiertem Kopf aufgefunden. Sechs kräftige Männer schleppen den schwer verletzten Mann von Bord und bringen ihn in die Klinik. Später findet man einen Revolver in seiner Kabine, aus dem zwei Kugeln fehlen. Alles deutet auf einen Selbstmordversuch hin. Als der massige Mann wieder zu sich kommt, gibt er nach stundenlangen Verhören durch die Polizei die Tat zu. Er nennt sich William King Thomas, heißt aber mit richtigem Namen Keith Alexander und stammt aus Halifax in den USA. Dort hat er auf großem Fuß gelebt und sich durch gewagte Geschäfte und seine Spielsucht hoch verschuldet. Auf der Flucht vor seinen Gläubigern ist er mit Frau und vier Kindern in Deutschland gelandet. Nun lebt er seit einigen Jahren in Dresden.

Alexander Keith alias William King Thomas (1827–1875) , aus: Illustrierte Zeitung

Um seine finanzielle Misere ein für alle Mal zu beheben, hat er einen diabolischen Plan ausgetüftelt. Von Bremerhaven aus will er ein paar mit wertlosem Inhalt gefüllte, aber hochversicherte Fässer und Kisten als Frachtgut in einem Auswandererschiff nach New York verschicken. Eine in der Fracht verborgene Zeitbombe soll dann auf hoher See zur Explosion gebracht werden und das Schiff in die Tiefe reißen. Danach kann er die Versicherungssumme kassieren, ohne dass der Verdacht auf ihn fällt. Den Tod hunderter Menschen kalkuliert er skrupellos mit ein. Was braucht er für sein Vorhaben? Eine Zeitschaltuhr, Sprengstoff und einen passenden Behälter.

Mechanische Zeitbombe  

Mit der Konstruktion der Zeitschaltuhr beauftragt er den renommierten Turmuhrmacher Johann Ignaz Fuchs aus Bernburg an der Saale. Er gibt sich als Seidenfabrikant aus und erläutert ihm sein Vorhaben: Er benötige für seine Werke mehrere völlig geräuschlose Uhrwerke, die nach einer Laufzeit von zehn Tagen den Schlag eines 30-Pfund-Hammers auslösen sollen. So sollen Tausende Seidenfäden mit einem Schlag zerschnitten werden, beruhigt er Fuchs auf dessen Nachfrage. Wenige Wochen später kann Meister Fuchs sein Probeexemplar vorführen. Thomas ist zufrieden, stellt weitere Aufträge in Aussicht und zahlt wegen guter Arbeit einen Bonus. Ohne es zu ahnen hat Uhrmacher Fuchs damit die weltweit erste bekannte mechanische Zündvorrichtung für eine Zeitbombe konstruiert.

Den Sprengstoff besorgt Thomas sich bei den Gebrüdern Krebs & Co. in Köln. Hier schlüpft er in die Rolle eines Bergwerksbesitzers aus Jamaika, der sich für den von der Firma entwickelten Spezialsprengstoff mit dem aussagekräftigen Namen Lithofracteur (Steinbrecher) interessiert. Die patentierte Mischung hat eine höhere Sprengkraft als Dynamit. Schnell wird man sich einig, und Thomas bekommt 13 Zentner der meist im Bergbau verwendeten Steinbrechermixtur geliefert.

Anfang Juni 1875 verstaut Thomas Sprengstoff und Zünduhr in einer Kiste, fügt Kleineisenteile hinzu, um ihre Zerstörungskraft zu steigern, und startet sein Vorhaben. Das erste Zielobjekt ist der Lloyd-Dampfer „Rhein“. Doch der Zündmechanismus funktioniert nicht und Thomas, der mit einem anderen Schiff in New York eingetroffen ist, nimmt die mit 9.000 Pfund Sterling versicherte Bombenkiste wieder mit zurück. Ein zweiter Versuch mit der „Celtic“ der britischen White-Star-Line scheitert, weil der Zahlmeister den Inhalt der Ladung vor der Übernahme kontrollieren will.

Unfall am Ladegeschirr und vorzeitige Explosion

Doch der Attentäter gibt nicht auf. Er lässt in der Werkstatt des im Bremer Schnoor ansässigen, vom Zweck des Behälters nichts ahnenden Tonnenmachers Friedrich Delvendahl ein massives, eisenbeschlagenes Fass anfertigen. Seine Besonderheit: zwei durch eine Zwischenwand getrennte Abteilungen im Innern. So kann er Sprengstoff und Zündmechanismus separat unterbringen. Über ein Loch in der Trennwand soll dann die Zündung erfolgen. Thomas versichert seine Kisten mit 15.000 Talern (gut 300.000 Euro) und bucht eine Erste-Klasse-Kabine auf der „Mosel“. Beim Zwischenhalt in Southampton will er den Zeitzünder aktivieren und selbst von Bord gehen. Doch dazu kommt es nicht. Das Fass mit der Sprengstofffüllung rutscht aus dem Ladegeschirr, kracht auf das Pflaster, explodiert vorzeitig und sprengt ein vier Meter tiefes Loch in die Mole. 81 Tote und etwa 200 z. T. schwer Verletzte sind zu beklagen, meist Besucher am Kai, aber auch Passagiere, Seeleute und Hafenarbeiter. Zahlreiche Helfer, unterstützt von Ärzten und Pflegekräften aus Bremen, kümmern sich um die Verwundeten. Eine Hafenbaracke dient als Lazarett zur Versorgung der Wunden, wo operiert und amputiert wird. Ein paar Männer sammeln Körperteile in Weidenkörbe, die Toten werden in Leinwand gewickelt und mit Fuhrwerken ins Leichenhaus gebracht.

Über den Attentäter schreibt Elisabeth Claußen: Kurz bevor Thomas an Bord gehen wollte, wäre er noch einmal in sein Hotel geeilt, um noch irgendetwas zu besorgen, so ist er nicht mal anwesend gewesen, als die Katastrophe hereinbrach. Als dann ein Schiffsjunge nach der Explosion zu ihm gelaufen kam und ihm zurief: „Herr Thomas, es regnet Arme und Beine vom Himmel“, da ist dieser grausame, kaltblütige und geldgierige Mörder nach dem Schauplatz des Unglücks gegangen, hat sich an Bord begeben, mit den Offizieren geredet und ist dann in seine Kabine gegangen, wo er sich einschloss. Nachmittags hat er sich dann über dem linken Auge eine Kugel in den Kopf geschossen. […] Seine aus Dresden telegrafisch herbeigerufene Frau hat von all seinen Plänen keine Ahnung gehabt und ihn auch nicht im Entferntesten einer solchen Handlungsweise, respektive dieser Tat, für fähig gehalten. Sie schilderte ihn als gutmütigen liebevollen Familienvater, sowie als liebenswürdigen Gesellschafter, mit dem sie in Dresden in den ersten Kreisen verkehrt hätte und auch selber ein großes Haus gemacht hätten.

Kopf und Hand

Die identifizierbaren Opfer der Katastrophe werden auf dem Leher Friedhof beigesetzt, die nicht identifizierbaren Toten und Leichenteile in einem Massengrab auf dem Wulsdorfer Friedhof. Dort wird auch der Attentäter Thomas verscharrt, der nach ein paar Tagen seiner Schussverletzung erliegt. Der städtische Arzt Soldan schneidet dem Toten den Kopf ab und konserviert ihn in Formalin. Der Schädel wird zunächst im Bremerhavener Museum für Natur- und Völkerkunde zur Besichtigung ausgestellt, dann kommt er ins Bremer Kriminalmuseum. 1944 wird er nach einem Luftangriff bei Aufräumarbeiten beseitigt.

Das weitere Schicksal der Familie Etmer fasst Elisabeth Claußen kurz zusammen: Am Nachmittag des Unglückstages wurde Mutters so schwer verletzte linke Hand amputiert und ihrem Christian zwischen seine beiden Hände in den Sarg gelegt. Er ist auf dem Leher Friedhof beerdigt, wo noch viele Opfer dieser Explosion bestattet wurden. […] Als dann das neue Frühjahr kam, gesundeten die armen Kranken und Verletzten körperlich so ganz allmählich. Emma wohnte bei ihren Schwiegereltern und erwartete dort das Kindchen von ihrem Wilhelm, am 28. Maio 1876 kam trotz aller Trauer und Trübsal ein vaterloses Töchterchen an. Emma war damals erst knapp 20 Jahre alt – noch so jung und kaum dem großen Leid gewachsen, das ihr auferlegt war. Ihr kleines Mädchen nannte sie Wilhelmine, nach dessen bei der Explosion verunglücktem Vater, es wurde dann Helmi gerufen.

Johanne und Emma haben wieder geheiratet und noch zwei Söhne bzw. drei Töchter bekommen. Für die vielen Hinterbliebenen und Verletzten der Thomas-Explosion kommen 450.000 Mark an Spenden zusammen. Aus dem Kapitalstock erhalten alle Bedürftigen eine ausreichende Rente, bis er der Inflation von 1922/23 zum Opfer fällt. Ein Gedenkstein auf dem Wulsdorfer Friedhof und eine Metalltafel an der Zufahrt zum Neuen Hafen erinnern an die Thomas-Katastrophe. Auch die Schiffsglocke der „Mosel“ ist erhalten. Sie steht im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven.