Ein Ehrenamtler kehrt zurück

Ich stehe vor dem Eingang, sehe hinter den Glasscheiben Magdalena vom Museumsshop und überlege, wie lange ich die Kolleginnen und Kollegen nicht gesehen habe.  Ich rechne nach : ein Jahr, fünf Monate und zweiundzwanzig Tage ist es her, das ich zum letzten Mal an dem Schreibtisch im Museum war und versuchte, mich ein wenig nützlich zu machen. Wie schön, es geht wieder.

Entschlossen betrete ich das Museum. Rechts neben dem Eingang steht der Roland, es ist zwar nur der Kopf aber der Originalkopf und irgendein Spaßvogel hat ihm eine überdimensionierte Maske verpasst. Er heißt mich lächelnd willkommen, man sieht das hinter der Maske zwar nicht so besonders gut aber wir haben ja mittlerweile gelernt von den Augen zu lesen. Ich lächle zurück, auch mit Maske, und ich sehe das Rolands Grinsen noch ein bisschen breiter wird. Er hat  sich scheinbar auch ein wenig gelangweilt ohne Besucher.

Ein kleines Stückchen weiter schaut mir schon der Complimentarius  erwartungsvoll entgegen. Er, der so viele Verbeugungen gemacht hat und dann in der langen Zeit im Museum keine Bewegung hatte und so ein klein wenig hüftsteif geworden ist, fixiert mich , hält vor Spannung den Atem an und bewegt  sich. Er ist offensichtlich erstaunt aber es geht. Mit einer formvollendeten Verbeugung begrüßt er mich zurück im Museum.

Zur linken höre ich ein Räuspern. Dort stehen der Kaiser und die sieben Kurfürsten. Der Erzbischoff von Köln hat versucht meine Aufmerksamkeit auf die hochnoble Versammlung zu lenken. Der Kaiser nickt mir huldvoll zu , die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln erheben grüßend die rechte Hand, der König von Böhmen und der Kurfürst von Brandenburg erwarten offensichtlich eine deutliche Ehrenbezeugung von mir als altem Republikaner. Geht gar nicht, Kniefall oder so ! Der Pfalzgraf bei Rhein und der Herzog von Sachsen haben sich auch noch nicht wieder an Besucher gewöhnt und plaudern munter miteinander ohne sich von mir stören zu lassen. Ich nicke grüßend zurück und gehe weiter.

Vorbei an der Borgward Isabella! Vor meinem geistigen Auge sehe ich einen sonnigen Tag und dann mit diesem Gefährt eine Überlandfahrt machen, das wäre wäre schon eine echte Kirsche auf der Torte und wirklich toll. Ein Stückchen weiter stehe ich vor einem meiner Lieblingsausstellungsstücke. Die alte Turmuhr vom Gaswerk, Baujahr 1905. Ich stehe kaum eine Minute davor da fängt sie an zu laufen. Zahnräder greifen ineinander einzelne Bauteile wirken zusammen, ein für mich magisches Klicken ertönt und zum guten Ende wird die Zeit angezeigt. Diese großartige Präzision und das fantastische Zusammenspiel fasziniert mich  total, der Lauf dieser Uhr nimmt mich lange Zeit gefangen.

Ich reiße mich los und komme zu meinem absoluten Favoriten. Es ist gleichzeitig das kleinste Objekt des Focke-Museums, es ist nur mittels einer Lupe genau zu sehen: ein Pfefferkorn. Es wird datiert auf die Zeit um 1200. Mir geht noch durch den Kopf was für einen weiten Weg dieses Körnchen zurückgelegt hat und das Reisen um 1200 nicht nur strapaziös sondern auch extrem gefährlich war, da höre ich eine Stimme die mir anbietet ein paar Geschichten über seine Seereisen, Lagerhäuser, als Geldersatz  und „ Pfeffersäcke“ wie man die Kaufleute damals nannte, zu erzählen. Meine Gedanken schweifen in das Mittelalter. Erst als ein anderer Besucher nach dem Pfefferkorn sieht finde ich zurück in die Gegenwart. Bei der Grabplatte von Arndt von Gröpelingen nickt mir der treue Knecht zu und lächelt angestrengt, er hat keine Hand frei zum Grüßen, er muss seinem Herrn  mit dem er zusammen ermordet wurde, selbst im Tod noch zu Diensten sein.

Nur wenige Schritte weiter gibt es eine ungewöhnliche Begegnung: ein Neuer! Gerhard Coccejus, ein Bremer und Professor der Juristerei, steht mir gegenüber. Er wurde 1640 Ratsherr und später dann Gesandter für Bremen und die Hanse bei den Verhandlungen zum Ende des Dreißigjährigen Krieges in Münster und Osnabrück. Er ist erst seit kurzer Zeit hier im Museum und fremdelt noch ein wenig. Ich stelle mich vor und nach kürzester Zeit ist das Eis gebrochen. Merkt man ihm seine diplomatischen Fähigkeiten doch an. Wir freuen uns schon auf weitere Treffen. Linker Hand sehen mir schon der Ratsherr Bernhard Graevaeus und seine Frau Christine entgegen. Er mit Bibel , sie mit Gesangbuch verkörpern beide strengen reformierten Glauben, beste Beispiele für Bürgerstolz aber gleichzeitig Abstand nehmend zu Protz und Prunk. Man weiß wer man ist und man stellt das dar, mit dem gebotenen Selbstbewusstsein. Und gleichzeitig drückt der Blick deutlich die Missbilligung aus für jemandem der um diese Zeit dem Müßiggang frönt und im Museum lustwandelt statt einer ordentlichen Arbeit nachzugehen oder doch  wenigstens beim Kirchgang sittliche Erbauung anzustreben. Ich verabschiede mich mit einem kurzen aber respektvollem Nicken und gehe meiner Wege. Unsere Beziehung ist bei weitem nicht so intensiv wie zu anderen Ausstellungsstücken aber sie gehören eben auch zur Museumsfamilie. Sie sind einfach beeindruckend.

Ein Stück weiter  wirds ein bisschen gruselig. Das Richtschwert des Scharfrichters. Allein der Gedanke, das mit diesem wunderschön ziselierten Stück bester Handwerkskunst Menschen vom Leben zum Tod befördert wurden, treibt mir einen Schauer über den Rücken.

Es ist eine kleine Glocke  und ein kleines Stück roten Stoffes das mich ein weiteres Mal zum Anhalten bringt. Die Glocke rief 1918/1919 bei den bestimmt hitzigen Debatten des Arbeiterrates der AG Weser zur Ordnung, ich höre praktisch die Stimmen der Kollegen die um den richtigen Weg streiten der sie in eine bessere Welt ohne Krieg und Ausbeutung führen soll und viele haben so ein kleines Stück Stoff im Knopfloch um sie als Revolutionäre kenntlich zu machen. Als ehemaliger Betriebsrat kann ich mir gut vorstellen, dass die Diskussionen da hoch hergegangen sind. Auf einmal wird es dämmerig, ein Teil der Beleuchtung ist abgeschaltet worden. Ich tauche so langsam aus meinen Gedanken auf und merke, ich habe die Zeit völlig aus den Augen verloren. Die Besuchszeit geht für heute zu Ende und ich war noch gar nicht überall, wohin ich eigentlich noch wollte. Den Kubus, das Schaumagazin hebe ich mir für meinen nächsten Besuch auf. Und der steht ganz sicher in aller nächster Zeit auf dem Plan. Ich wünsche den Kollegen vom Museumsshop noch einen schönen Feierabend und stehe draußen vor der Glastüre. Ich merke, dass ich ein Lächeln im Gesicht habe, aber man freut sich ja immer wenn man ein bisschen nach Hause kommt.