dezember 2020

Ob transparent oder opak, farblos oder bunt, dickwandig oder filigran – Glas fasziniert die Menschen durch seine vielfältigen Erscheinungsformen. Es lässt sich zu einfachen Gebrauchsgefäßen wie auch zu kunstvoll gestalteten, skulptural anmutenden Gläsern gestalten. Die Glassammlung des Focke-Museums spiegelt die europäische Glaskunst vom Mittelalter bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Sie stellt den kunst- und kulturhistorisch wertvollsten geschlossenen Sammlungsbereich des Hauses dar und wird als Teil der Kulturgeschichte des Wohnens im Haus Riensberg präsentiert. Dr. Uta Bernsmeier, Oberkustodin für Angewandte Kunst, stellt in einem reich bebilderten Band 167 herausragende Exponate, vom mittelalterlichen Becher bis zu den farbenfrohen Vasen venezianischer Gestalter aus den 1960er-Jahren, vor. 

Die Aufnahmen der Fotografen  Martin Luther und Dirk Fellenberg bereiten dem Glas die große Bühne: Ihre zurückgenommene Inszenierung unterstreicht  die Schönheit der Exponate eindrucksvoll. Allein durch die Lichtführung und den Wechsel von Schärfe und  Unschärfe lassen sie die  unterschiedlichen Materialwirkungen wie kristalline Klarheit, Semitransparenz, opake Farbigkeit oder glänzenden Lüster gezielt hervortreten.

Derweil nehmen die Texte die Leserinnen und Leser mit durch die Geschichte der Glaskunst und erläutern anschaulich die verschiedenen Techniken und Dekore sowie den Wandel der Formen. Und gewähren zudem einen Einblick in Sitten und Gebräuche. Der mit Noppen überzogene „Krautstrunk“ etwa, ein im Spätmittelalter gebräuchlicher Trinkbecher, war robust und lag mit seinen aufgetupften Verzierungen auch „vollen und ungeschickten Leuten“, so Pfarrer Johann Mathesius, sicher in der Hand.

Für derbe Trinkgelage waren die eleganten Gläser der Meister von Murano nicht gedacht. Schon die römische Glaskunst kannte die Arbeit mit Fadenglasstäbchen, die Venezianer führten diese Technik im 16. und 17. Jahrhundert zur Perfektion. Die Reinheit der verarbeiteten Glasmasse, verbunden mit einer virtuosen Handwerkskunst, die sich mit hoher Formkultur vereinte, bildeten gewissermaßen das Fundament, auf dem sich in der Blütezeit der venezianischen Glaskunst von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts alle Ziertechniken entwickeln konnten. Ihr anspruchsvolles Handwerk wurde in den Familien über Generationen tradiert.

Sand, Kalk, Alkalien: diese einfachen Grundsubstanzen eröffnen den  Glasgestaltern unendliche Möglichkeiten. Ebenso die vielen Formen nachträglich angebrachter Verzierungen, durch Schliff oder Bemalung. So wurden die schlicht gestalteten Reichsadlerhumpen mit aufwendigen Emailmalereien dekoriert, die rubinroten Deckelgläser des Barocks verzierte der Glasschleifer dagegen mit Puttenreigen und Fruchtgirlanden.

Manchmal sollte das Glas aber gar nicht nach Glas aussehen, schon die Venezianer beherrschten die Imitation von Edelsteinfarben, und zu Beginn des 18. Jahrhunderts spezialisierten sich sächsische Hütten auf Glas, das  Marmor oder Porzellan imitierte.

Ob farbprächtige Zwischengoldgläser aus Böhmen, Becher mit weitläufigen Stadt- und Landschaftsveduten, Pokale mit allegorischen Darstellungen im klassizistischen Stil oder die Vasen des visionären Jugendstilkünstlers Emile Gallé: Die Sammlung des Focke-Museums illustriert die sich wandelnden Moden und Techniken der Glaskunst anhand herausragender Stücke.  Zu denen auch die Objekte der Wiener Gestalter Josef Hoffmann, Koloman Moser und Otto Prutscher gehören, deren streng geometrischer Dekor sich radikal vom floralen Jugendstil absetzte.

Auf diese Periode raffinierter Eleganz folgte einige Jahrzehnte später eine gänzlich anders geartete farbenfrohe Ausdrucksform, die, beeinflusst von der bildenden Kunst ihrer Zeit, das expressive Potenzial des Glases zur Geltung brachte. Dafür wendeten die Glasgestalter auf Murano die alten Techniken neu an und setzen ihre transparenten und bunten Glasfäden zu dickwandigen, voluminösen Vasen zusammen, die mit ihren Orangetönen und den kleinen Blüten der „Kiku“-Vasen die Flower-Power-Ästhetik vorwegnahmen.

Den Grundstock der heutigen Sammlung legten einige Gläser der „Technischen Anstalt für Gewerbetreibende“, das spätere „Gewerbe-Museum in Bremen“, bei dem es sich um eine der beiden Keimzellen des Focke-Museums handelt. Durch Beispiele vorbildlichen historischen Kunstgewerbes sollten dem Handwerk geschmacksbildende Impulse gegeben werden. Zur gleichen Zeit baute Senatssyndikus Johann Focke seine Sammlung „Vaterländischer Altertümer“ auf, die einige Gläser mit bremischen Bezügen enthielt. Der Zusammenschluss von Gewerbemuseum und Historischem Museum zum Focke-Museum ging mit einer regen Erwerbungspolitik einher: Ernst Grohne, der das Institut ab 1924 fast 30 Jahre lang leitete, konnte die Glasbestände nennenswert bereichern. Mit dem Ankauf der Sammlung von Alexander Lehmann kamen später 191 Objekte hinzu, die mit den vorhandenen Beständen eine hochrangige Glassammlung bildeten. Zustiftungen der letzten zwei Jahrzehnte ergänzten das Konvolut mit Objekten des Jugendstils und  Art décos.

Der Katalog „Glaskunst aus fünf Jahrhunderten“ mit 216 Seiten ist zum Preis von 29 Euro im Shop des Focke-Museums erhältlich. Während der Schließung des Museums kann der Katalog online unter shop–at–focke-museum.de bestellt werden.