museen der zukunft

Eine Kultur der Digitalität ist gefordert

Wie steht es um die Zukunft der Museen? Und wie sehen die Museen der Zukunft aus? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Prof. Dr. Anna Greve, Direktorin des Focke-Museums – Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, in einem Vortrag, mit dem die zweite internationale Woche der Semiotik an der Universität Potsdam eröffnet wurde. Die Online-Veranstaltung des Virtuellen Zentrums für Kultursemiotik stand unter der Überschrift „Zeichen unserer Zeit“. Lesen Sie hier die gekürzte und überarbeitete Fassung.

Museen der Zukunft: Eine Kultur der Digitalität ist gefordert!  

Der erste Satz der Anfrage von Frau Prof. Dr. Eva Kimminich weckte sogleich meinen Widerspruchsgeist – und das ist ja auch gut so, wenn man in die Diskussion kommen möchte. Er lautete „Ausstellungsobjekte gehören per se zur Spitze der Kulturpyramide“. Ich fragte mich sogleich: Ist das so? Ist dies nicht vielmehr die Vorstellung nationaler Repräsentation im 19. Jahrhundert?

Ich behaupte das Gegenteil. Deutsche und europäische Museen stehen kurz vor dem Versinken in der Bedeutungslosigkeit, wenn sie sich nicht verändern. Warum?

    • Nationale, hegemoniale Narrative sind nicht mehr gefragt, allseits wird Multiperspektivität gefordert
    • Ein Verlust der Bildungsfunktion ist zu verzeichnen. Das Internet hat sich zu einer viel umfangreicheren Informationsquelle entwickelt. Filme vermitteln Wissen anschaulicher, etwa über das Leben eines Löwen, als es ein präpariertes Exemplar im Museum könnte.
    • Verlust des Freizeitwertes. Wir haben inzwischen eine neue Art von Kultureinrichtungen, sogenannte Edutainment-Einrichtungen. Sie schaffen es, Wissen unterhaltsam zu vermitteln und generieren höhere Besuchszahlen als klassische Museen.
    • Mit Corona wurde den Museen die größte Legitimation entzogen: die analogen Besucher/innen. Besuchszahlen galten bis dahin als die einfachste Methode, die Bedeutung für die Gesellschaft – und damit auch für die Steuerzahler/innen – nachzuweisen.

Was bleibt also perspektivisch von der gesellschaftlichen Relevanz?

    • Die Bewahrung des kulturellen Erbes (Sammeln, Bewahren, Erforschen) funktioniert auch ohne Besucher/innen. Könnten Museen als Archive, Bibliotheken funktionieren? In denen man sich gezielt bestimmte Objekte/Bestände anschaut? Die einem auf Wunsch vorgelegt werden, die man vielleicht auch ausleihen kann?
    • Die demokratische Pflicht, das Erbe breit zugänglich zu machen, funktioniert auch online, über soziale Medien, Digitalisierung, digitale Workshops usw.

Ich habe meinen Vortrag in drei Abschnitte gegliedert, um einen Einblick zu geben, wie wir im Focke-Museum an dieser Problematik arbeiten und ihr begegnen.

I. Zur Theorie: Eine Kultur der Digitalität leben!

Derzeit ist international eine neue Museumsdefinition in der Debatte, die einen Paradigmenwechsel von der bewahrenden, statischen Institution zur prozesshaften Plattform der Diskussion fordert: „Museen sind demokratische, inklusive und polyphone Orte für den kritischen Dialog über Vergangenheit und Zukunft“,  lautet die freie Übersetzung des ersten Satzes. Auf der letzten Sitzung des internationalen Museumsrates ICOM in Tokyo wurde darüber heftig diskutiert, insbesondere die europäischen Museen wehrten sich gegen diese Schwerpunktverlagerung. Eine finale Abstimmung steht noch aus.

Im Focke-Museum schließen wir uns dieser neuen Richtung an. Es geht nicht darum, Bestände oder Museen als Orte aufzulösen. Vielmehr um eine Erweiterung in den digitalen Raum, in die Gesellschaft. Auf unserem Weg sind folgende theoretische Grundlagen wichtig:

    • Die Kultur der Digitalität (Felix Stalder, 2016) meint das Ineinandergreifen analoger und digitaler Gesellschaftsprozesse und beinhaltet sowohl eine kritische Reflexion der Macht von Algorithmen und  deren Nutzung für die eigenen Kulturzwecke als auch die Nutzung sozialer Medien, um mit ihrer Hilfe eine breitere, demokratische Beteiligung zu ermöglichen
    • Design Thinking als Ansatz zum Lösen von Problemen und Entwickeln neuer Ideen, die aus Anwendersicht überzeugen. In unserem Fall die Museumsbesucher/innen. Wichtigste Schlagworte sind dabei: Nutzer/innen-Zentriertheit, Multiperspektivität und das Selbstverständnis als lernende Institution.

II.  Zur Praxis: Nutzer/innen-zentrierte Museumsarbeit!

Im Focke-Museum wollen wir die Ideen „Museum“ und „Bürgerforum“ konsequent unter einem Dach vereinen. Wir verstehen unsere Arbeit als prozesshaft und wollen für das in der Stadt vorhandene Wissen zu Bremer  Themen Resonanzboden sein. Partizipation ist nicht ein Zusatz zur klassischen Museumsarbeit, sondern integraler Teil unserer Arbeit. Nach meinen ersten drei Monaten am Haus sehe ich dabei drei Säulen:

    • Ausstellungsentwicklung: Unsere neue Sammlungsausstellung soll im Jahre 2026 eröffnet werden. Im Team haben wir in den letzten Wochen die dafür existierenden ersten Überlegungen gemeinsam einmal durchdekliniert, um uns auf Zielrichtung und Anspruch zu einigen. Bereits jetzt starten wir Feedback-Schleifen, um herauszubekommen, ob die Bremer/innen unsere Gedanken teilen. Mit Interessensgruppen wie Afrika Netzwerk Bremen, Frauenmuseum, ZIS – Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien e.V und BreMOBILeum führen wir erste Gespräche und werden wir Workshops zu ihren Spezialthemen konzipieren. Über Twitter fragte ich in die bundesweite Kulturcommunity: Welcher Schwerpunkt interessiert euch mehr: Architektur, Technik, soziale Netzwerke? Neben einem wissenschaftlichen Beirat werden wir einen Bürgerbeirat gründen, der die Vielfalt der Stadtgesellschaft abbilden und uns beraten soll.
    • Stadtlabor: An prominenter Stelle in unserem Museumsbau wird ein Raum für Sonderausstellungen definiert, der durch Vereine, Initiativen, Communitys[A1] [A2]  bespielt werden soll, unter Anleitung und Moderation unseres Museumsfachpersonals. Bereits jetzt liegen uns zwölf Anfragen vor, das Interesse daran ist groß. Im Historischen Museum in Frankfurt gibt es bereits seit [A3] mehr als zehn Jahren einen solchen Raum, dort werden Ausstellungen mit 12 bis 200 Beteiligten kuratiert. Das ist sicherlich nicht einfach und man muss dafür als Institution eine klare Haltung definieren: Was sind die Kriterien, um Themen hier auszustellen? Wer kann mitmachen? Wie gehen wir  mit unterschiedlichen Interessen um? Wir  beginnen jetzt, dafür Kriterien zu entwickeln. Es  werden jeweils Vereinbarungen zum Rollenverständnis und zu Verantwortlichkeiten zu schließen sein. Im Rahmen einer Vortragsreihe wollen wir Philosoph/innen um Input bitten, wie man im 21. Jahrhundert die gebotene Freiheit und Neutralität von Kultureinrichtungen definieren könnte. Wie mit Multiperspektivität umgehen? In welchem Verhältnis stehen wissenschaftliches Fachwissen, Erfahrungswissen und von Laien erarbeitetes Expertentum?
    • Focke-Forum: Im Rahmen einer anstehenden Baumaßnahme wird ein ca. 400 Quadratmeter großer Vorbau entstehen, der  multifunktionale Räume und eine Gastronomie beherbergen wird. Neben den Veranstaltungen des Museums und der Museumspädagogik können   künftig auch Vereine aus dem  Stadtteil hier tagen und ihre eigenen Programme anbieten.

III. Zur Zukunft: Eine lernende Institution werden!

Während meiner ersten 100 Tage im Amt als Direktorin des Focke-Museums  habe ich täglich ein Objekt oder ein Museumsereignis auf Instagram, Twitter und Facebook gepostet. Eine Detailauswertung ergab, dass ich damit über 5000 User/Klicks AKTIV erreicht habe, vom Bürgermeister bis zur Reinigungskraft. Die passive Reichweite wird noch größer gewesen sein. Einzelne Posts erhielten bis zu 50 Kommentare. Es bildete sich eine Fangemeinde, die täglich wartete und mich aufforderte, die Aktion weiter zu machen. Es waren keine spektakulären Dinge, einfach nur unsere Objekte, die ich vorgestellt habe. Nicht mit klassischen Museumstexten, sondern z.B. mit Fragen wie: „Würdest du gerne in so einem Zimmer schlafen?“ zu Heinrich Vogelers  Zimmer für eine junge Frau, 1906, aus Haus Riensberg. Es entbrannte eine Debatte, ob das Bett zu schmal sei. Es käme darauf an mit wem… Über diesen Weg wurden die User neugierig und fragten dann irgendwann nach den fachlichen Daten der Objekte. Von entscheidender Bedeutung war natürlich, dass ich reagierte, antwortete und auch zugab, wenn ich etwas nicht wusste. Die Aktion zeigt, dass man so Menschen erreichen kann, die sonst nicht ins Museum gehen und damit auch eine Besucherinnen-Bindung möglich ist. Ganz ohne Zusatzkosten. Es kostet nur Zeit und Nerven. Wären wir nicht wegen Corona geschlossen, würden einige neugierig ins Haus kommen, um sich die Originale anzuschauen – da bin ich sicher. Man könnte auf dieser Basis z.B. die Facebook-User direkt einladen und sie dann in der Ausstellung auffordern, ihrerseits Bilder aufzunehmen und zu posten. Hier sehe ich ein großes Potential neuer Reichweiten und Identifikation mit dem Museum.

Auch die neuen Formate eines digitalen Freundeskreises, eines Blogs, digitales Kuratieren einer Corona-Ausstellung haben das Potential, eine Kultur der Digitalität zu verwirklichen. Bewusst werden unterschiedliche Zielgruppen angesprochen. Meines Erachtens sollte es nicht darum gehen, einen Mittelwert für alle zu finden, sondern gerade auch die unterschiedlichen Gruppen auf ihren Kanälen zu erreichen: Freundeskreis junger Studierender mit Instagram, Fachexpert/innen, also z.B. auch ältere Ehrenamtliche mit Blog, bundesweit aktive Fachkreise mit Twitter, sogenannte Nicht-Besucher/innen mit Facebook.  Die Mischung macht uns interessant und lebendig. Ich freue mich darauf, im nächsten Semester zusammen mit Frau Prof. Kimminich, Organisatorin dieser Semiotikwoche, Tandems von Studierenden zu betreuen, bei denen eine Studierende aus Bremen Stadtgeschichte und Informationen aus dem Focke-Museum einbringt und Studierende der Uni-Potsdam technisches Knowhow, um zusammen beispielsweise Erklärfilme zu komplizierten Objekten wie dem Weserbagger und der  Silberpresse oder Hegels Begriff der Korporation zu erarbeiten.

Das Programm der Tagung finden Sie hier.