
ZUM 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke
Leiden, um zu schreiben
Von Alexandra Albrecht
Am 4. Dezember 2025 jährt sich der Geburtstag Rainer Maria Rilkes zum 150. Mal. Die Verehrung und Ablehnung seines Werkes unterliegt bis heute den Moden des Zeitgeistes, vergessen ist er nicht. Wer seine Lyrik manieriert findet, kann „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ trotzdem schätzen. So wie auch der Germanist Manfred Koch, der eine ebenso kenntnis- wie umfangreiche Biographie veröffentlichte, die zeigt, wie eng Leben und Werk des Dichters verknüpft sind: „Rainer Maria Rilke. Dichter der Angst“. Natürlich kommen auch Rilkes Verbindungen mit Bremen und Worpswede zur Sprache.
1875 wird René Rilke in Prag geboren, Rainer Maria nennt er sich erst 21 Jahre später. Rilkes Eltern trennen sich, als der Sohn acht Jahre alt ist. Die Mutter verlässt Mann und Kind und zieht zu ihrem neuen Partner nach Wien. Der Sohn wird auf eine Militärunterrealschule in St. Pölten geschickt. Ausgerechnet zum Eintritt in die Kadettenanstalt gibt die Mutter ihrem Sohn eine Mädchenaussteuer mit, was von den Mitschülern und Lehrern mit Hohn quittiert wird und bei ihm laut Manfred Koch zu einer anhaltenden Identitätskrise führt. „Rainer Maria Rilke – das lässt sich mit Sicherheit sagen – litt lebenslang an einer Muttervergiftung“, schreibt der Biograph, der andeutet, dass sich die psychisch gestörte Mutter an ihrem Sohn sexuell vergriffen hat. Rilkes unzählige Affären und Beziehungen, seine ständigen Ortswechsel sprechen für eine Bindungsunfähigkeit, die er nie überwinden wird, wohl auch gar nicht will. Denn die Einsamkeit ist seine stete und liebste Begleiterin.
Die vielen, auch schweren Krankheiten des Kindes hätten zudem dazu beigetragen, eine Urangst in ihm zu hinterlassen. Seine große Liebe Lou Andreas-Salomé, „Muse und Mutter“ wie Sigmund Freud schreibt, diagnostiziert bei ihm auf einer ihren gemeinsamen Russland-Reisen Angstzustände, ihrer Ansicht nach hervorgerufen durch die vielen überwältigenden Eindrücke, für die er keine Sprache fand. Der selbstgemachte Druck, gewichtige und bedeutsame Literatur schreiben zu müssen, beschwert das Leben des Künstlers. Sich den Ursprüngen seines Leidens mit Hilfe der Psychoanalyse zu nähern und sie womöglich zu überwinden, lehnt Rilke ab: „Das Furchtbare ist die Voraussetzung des Fruchtbaren“ oder: Ohne Leid keine Kunst. Diesem verbreiteten Topos folgt er sein Leben lang.

Heinrich Vogeler, der den Dichter nach Worpswede eingeladen hatte, ist dort sein wichtigster Freund und Ansprechpartner. Bei den Festlichkeiten auf dem Barkenhoff steht Rilke häufig im Mittelpunkt, wenn er seine Gedichte und die anderer Lyriker vorträgt. Neben Vogeler sind es vor allem die Malerin Paula Becker und die Bildhauerin Clara Westhoff, zu denen er sich als Mensch und Künstler hingezogen fühlt, und um die er wirbt. Erst als Lou Andreas-Salomé ihn wegen seiner ewigen Angst- und Wahnzustände verlässt, und Paula Becker sich zu Otto Modersohn bekennt, verlobt er sich 1901 mit der aus Bremen stammenden Clara Westhoff, die er bald darauf heiratet. Die Künstlerin steht nun vor dem Paradox, dem Depressiven „mütterliche Zuwendung angedeihen zu lassen und zugleich sein unstillbares Bedürfnis nach Alleinsein zu respektieren“, so Manfred Koch.

© Foto: Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen
Die gemeinsame Tochter Ruth wird häufig bei den Großeltern zurückgelassen. Und selbst wenn Mann und Frau einmal gemeinsam in einer Stadt leben, zum Beispiel in Paris, teilen sie nicht unbedingt einen Haushalt. Rilkes Zuneigung und Begehren ist immer dann am stärksten, wenn die Frauen nicht da sind. Übrigens beklagte sich darüber auch Martha, die Frau Heinrich Vogelers.
Der kleine, nicht sonderlich attraktive Rilke muss im direkten Kontakt mit Männern und Frauen durchaus einnehmend gewirkt haben, vor allem seine Höflichkeit und seine guten Manieren wurden gerühmt. Sonst hätte er auch nicht so viele Mäzeninnen und Unterstützer für sich begeistern können, die ihm finanziell halfen und ihm teils monatelang ihre Villen und Schlössern überließen, wie etwa Maria von Thurn und Taxis, in deren Appartement in Venedig er ebenso gerne verweilte wie auf ihrem Schloss im italienischen Duino, wo einige der „Duineser Elegien“ entstanden. Vor allem war es aber sein Werk, das die Menschen für ihn einnahm, seine nicht selten religiösen Gedichte des „Stunden-Buch“ und sein sinnlicher Stil, der dem Klang der Wörter und dem Rhythmus der Sätze verpflichtet war. Hatten ihn Paula Modersohn-Becker und Clara Westhoff das Sehen und intensive Wahrnehmen gelehrt, so machten ihn Auguste Rodin und Paul Cézanne bei seinen Paris-Aufenthalten mit den Ausdrucksformen der Moderne vertraut. Zu seinen literarischen Vorbildern werden André Gide und Marcel Proust.
Sein Aufenthalt in Paris, wo er zeitweise als Sekretär von Rodin arbeitet, gibt die wichtigsten Anregungen für sein Werk, das ihn zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren macht. Doch die Metropole ängstigt ihn auch. „Die Pariser Schule des Schreckens machte ihn zum modernen Autor, der den Schockerfahrungen des Großstadtlebens eine neue, die Energien des Bösen, Hässlichen, Kranken einbeziehende Sprache abgewann“, schreibt Manfred Koch. Diese Erfahrungen sind die Grundlage für „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, die Rilke aber nicht als Autobiographie verstanden wissen will.
Die Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst wird Teil seines Schreibens. So widmet er Worpswede ebenso wie Rodin eine Monographie und verfasst das „Requiem für eine Freundin“ für die früh verstorbene Paula Modersohn-Becker. Für die Einweihung der Kunsthalle Bremen 1902 kreiert er eigens eine Festspielszene. Rilkes Verbindungen zu Bremen sind vielfältig. So erscheint sein Werk im Leipziger Insel-Verlag des Bremers Anton Kippenberg, für den Heinrich Vogeler als Illustrator arbeitet. In diesem Umfeld lernt er auch den Bremer Schriftsteller und Innenarchitekten Rudolf Alexander Schröder und dessen Cousin, den Schriftsteller, Verleger und Gründer der Zeitschrift „Die Insel“, Alfred Walter Heymel, kennen. Schröder und Heymel gaben den Anstoß zur Gründung des bremischen Lesekreises „Die goldene Wolke“, mit dem Ziel, das „geistige Niveau der Gesellschaft zu heben“. Kunstinteressierte Kaufleute kommen hier zusammen, um sich mit neuer Literatur und Kunst zu beschäftigen. Zu den Initiatoren gehörte auch der Bremer Kunsthallen-Direktor Gustav Pauli, dessen Frau Magda unter dem Pseudonym Marga Berck das Buch „Die goldene Wolke“ veröffentlicht. Dort beschreibt sie, dass Rilke dem Kreis nicht beitrat, aber öfter in ihrem Haus in der Parkallee zu Gast war.
„Weltfremd, am Kunstgespräch interessiert, doch voll zehrender Unruhe in sich selbst, hatte er dann am Tisch gesessen“, erinnert sie sich an den unglücklich wirkenden Künstler. Weil sie wusste, dass er Musik liebt, wollte sie ihm eine Karte für einen Beethoven-Abend schenken. „Da sah er mich entgeistert an und antwortete erst gar nicht. Etwas eingeschüchtert wiederholte ich meine Frage; und da sagte er stockend: „Aber wie soll ich wissen, ob ich morgen abend in der Stimmung bin, Beethoven zu hören.“ Magda Pauli übergab das Fotoalbum der Goldenen Wolke dem Bremer Landesmuseum.

© Foto: Paula Modersohn-Becker Museum
Zurück zu Rilkes Biographen Manfred Koch. Er unterschlägt weder die menschlichen Unzulänglichkeiten des Dichters noch seine wenig durchdachten politischen Äußerungen. So bezeichnete er Franz Werfel als „Judenbub“, teilte die Begeisterung anlässlich des Ersten Weltkriegs und himmelte den Diktator Benito Mussolini an. Seinem Erfolg hat das nicht geschadet, Rilkes Werk wird zu seinen Lebzeiten auch im europäischen, nicht-deutschen Sprachraum gelesen und verehrt. Für den Insel-Verlag ist er einer der bestverkauften Autoren. Und bis heute unvergessen. Ein Bericht des Schweizer Rundfunks begründet dies damit, dass seine Weisheiten so instragrammable seien, was ihn bei TikTokern und Musikerinnen und Musikern wie Lady Gaga und Udo Lindenberg so beliebt mache. Vor allem sind es die Gedichte „Der Panther“ und „Herbsttag“, die immer wieder zitiert werden.
Rainer Maria Rilke stirbt 1926 an Leukämie. Als er in der Schweiz beerdigt wird, nehmen seine Lebensmenschen Lou Andreas-Salomé, Clara Rilke und die gemeinsame Tochter Ruth sowie noch einige andere nicht an der Trauerfeier teil.
Manfred Kochs angenehm lesbare, sehr detaillierte Biographie vermittelt tiefe Einblicke in das Leben und Schreiben Rilkes und die vielfältigen Bezüge untereinander. Dank vieler Zitate ermöglicht die Lektüre zudem einen lebhaften Eindruck von der Sprache des Dichters. Nur eine noch ausführlichere Einordnung in die europäische Literatur seiner Zeit wäre wünschenswert gewesen.
Das Paula Modersohn-Becker-Museum zeigt noch bis zum 18. Januar 2026 die Ausstellung „Rilke und die Kunst“ mit Gemälden, Skulpturen und Arbeiten auf Papier aus musealen und privaten Sammlungen – u.a. von Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff, Auguste Rodin, Paul Cézanne und Pablo Picasso – sowie bislang unveröffentlichte Originale seiner Schriften.
Manfred Koch: Rilke. Dichter der Angst. Eine Biographie; C.H. Beck, München 2025, 560 Seiten
Von Alexandra Albrecht
Als die Große Pest 1347 bis 1353 in Europa wütete, wussten die Menschen nicht, welche Ursachen die Krankheit hatte, die so vielen das Leben nahm. Dieses Unwissen hielt noch sehr lange an, bis Ende des 19. Jahrhunderts, als das Pestbakterium endlich identifiziert wurde. Schwindelerregend schnell gelang es der Forschung dagegen jetzt, das Corona-Virus zu identifizieren und einen Impfstoff zu entwickeln. Vergleiche zwischen Geschichte und Gegenwart hinken häufig, zu unterschiedlich sind die Gegebenheiten. Und doch gibt es wenige, erstaunliche Parallelen in der Verbreitung und im Umgang mit den Krankheiten, wie Volker Reinhardt in seinem Buch „Die Macht der Seuche. Wie die Große Pest die Welt veränderte, 1347-1353“ deutlich macht.
Der Professor für Geschichte an der Universität Fribourg gehört international zu den führenden Italien-Historikern und Renaissance-Spezialisten, und so liegt sein Blick auch vor allem auf den Quellen und literarischen Zeugnissen Italiens, dem wichtigsten Ausgangspunkt der Pandemie in Europa.
Wie auch Covid-19 breitete sich die Pest zuerst im Reich der Mitte aus, ab 1338 ist sie auf den Hochebenen Zentralasiens nachweisbar. Von dort aus zog sie westwärts, an die Gestade des Schwarzen Meeres, bis sie Italien (!) erreichte, wo sie im Süden von Neapel und im Norden von Genua und Venedig ihre weitere Verbreitung fand, schon damals als Folge globalisierter Verkehrswege.

Den Zeitgenossen fielen zwei Varianten auf, die häufiger vorkommende Beulenpest, die Überlebenschancen bot, und die tödliche Lungenpest. Der Gedanke, dass sich der Mensch an einem niederen Lebewesen wie dem Floh, übertragen durch die Ratte, anstecken könnte, widersprach dem theologischen Denken des 14. Jahrhunderts. Und so wurde die Ursache der Seuche in einer unheilbringenden Konstellation der Gestirne gesehen, die todbringende Luft auf die Erde schickte.
Trotzdem fiel den Menschen seinerzeit schon auf, dass die Pest sich vor allem in dicht besiedelten Quartieren ausbreitete, d.h. dort, wo die Armen eng zusammenlebten. Diese sozial bedingte ungleiche Verteilung zeigte sich auch in der Corona-Pandemie: Die Inzidenzzahlen lagen in bremischen Stadtvierteln, wo vielköpfige Familien auf engem Raum leben, deutlich höher.
Der Kontakt mit den Kranken wurde gemieden, selbst Ärzte, Priester und Juristen lehnten es meistens ab, die befallenen Häuser aufzusuchen, es sei denn, sie wurden üppig entlohnt. Keine Stadt Europas agierte so erfolgreich im Kampf gegen die Seuche wie Mailand, allerdings mit wenig zimperlichen Mitteln. Rigoros wurden die Häuser Erkrankter zugemauert, mit dem Ergebnis, dass nur drei Familien starben.
Ebenfalls blieb nicht unbemerkt, dass die Pest sich mit dem Transport von Gütern, also dem Handel, dem die herrschende Schicht Italiens ihren Reichtum verdankte, ausbreitete. Deshalb setzte sie vielerorts auch durch, dass die Grenzen offen blieben, koste es Menschenleben, so viel es wolle. Etwa ein Viertel der Europäer fiel der Großen Pest zum Opfer, schreibt Volker Reinhardt und weist die kursierenden höheren Zahlen zurück.
Wobei er immer wieder auf die schwierige Quellenlage aufmerksam macht, denn damals wurden keine statistischen Zahlen erhoben, und die meist rückwirkend verfassten Berichte schmücken die Erlebnisse wohl gehörig aus.
Auch Klaus Schwarz verweist in seiner 1996 erschienenen, akribischen Untersuchung „Die Pest in Bremen“ für ihren Verlauf 1350 auf viele Unstimmigkeiten hin und hält die Anzahl der im Bürgerbuch genannten Toten für zu hoch gegriffen. Überhaupt: Bremen besaß um 1350 keinen Arzt oder Apotheker, wer soll die Todesursache einer völlig unbekannten Krankheit festgestellt haben?
Volker Reinhardts sehr gut lesbares Buch besticht vor allem durch sein Interesse an den sozialen und politischen Verwerfungen, die die Pest mit sich gebracht hat. Alte Geschlechter fielen ihr zum Opfer, andere, wie die Medici, entwickelten sich zur vollen Blüte. Das politische Gefüge geriet ins Wanken, das Vertrauen in die Kirche, die offensichtlich nicht helfen konnte, nahm ab. Unter den Gewinnlern machten sich Lebensgier und krasser Egoismus breit, der vor allem auf Bereicherung zielte. Für Mitgefühl oder gar Hilfe für den notleidenden Mitmenschen war kein Platz mehr, das Ich verdrängte das Wir.
Der Versuch, das Unfassbare zu erklären, kehrte manches Mal das Schlechteste im Menschen hervor. Vor allem auf deutschem Gebiet wurde den Juden die Schuld an dem Unheil gegeben, sie hätten das Wasser vergiftet, um Christen zu töten, heißt es etwa in einer Schrift des Würzburger Kanonikers Michael de Leone. Außer Frage steht, dass mit der Vernichtung der Juden pekuniäre Interessen befriedigt werden konnten, denn so mussten die Schulden bei jüdischen Bankiers nicht mehr beglichen werden.
Der antisemitische Reflex funktioniert auch heute wieder unter den Verschwörungstheoretikern. Welche Verwerfungen Corona noch mit sich bringen wird, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich ist der Wille zum Vergessen und Verdrängen heute ebenso ausgeprägt wie im 14. Jahrhundert, auch der Wunsch, einfach so weiterzumachen wie vor der Pandemie.
Volker Reinhardt: „Die Macht der Seuche. Wie die Große Pest die Welt veränderte. 1347 – 1353“. Verlag C.H. Beck, München 2021, 24 €
Die oberste Abbildung zeigt eine Darstellung aus dem 14. Jahrhundert: Die Bürger von Tourmai beerdigen ihre Pesttoten. (c) Diaspora Museum Tel Aviv, gemeinfrei
