Moulin a Suckre

Johann Moritz Rugendas

Chronist des Kolonialismus

Von Prof. Dr. Anna Greve

Bei der derzeitigen Erarbeitung der neuen Sammlungsausstellung des Focke-Museums, die auch die Kolonialgeschichte Bremens behandeln wird, ist eine Zeichnung wiederentdeckt worden, die die historischen wirtschaftlichen und menschlichen Beziehungen Bremens mit Brasilien thematisiert. Museumsgründer Johann Focke selbst nahm das Blatt des Künstlers Johann Moritz Rugendas 1917 in die Sammlung auf. Es bildet einen Teil der Gesellschaft ab, die an der berühmten Langsdorff-Forschungsexpedition teilnahm, die an Bord der „Doris“ 1822 nach Brasilien übersetzte. Dass sich dieses der Forschungswelt bislang unbekannte Blatt in der Sammlung des Bremer Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte befindet, zeugt von der Bedeutung Bremens im 19. Jahrhundert für die Schifffahrt und den globalen Handel sowie für die deutsche Auswanderung und für die Erforschung und Kolonisation Brasiliens. Immerhin gründeten bremische Auswanderer bzw. jüdische Exilanten unter der Führung des Tropenlandwirts Oswald Nixdorf (1902–1981) und des in Bremerhaven geborenen Politikers Erich Koch-Weser (1875–1944) 1932 die Stadt Rolândia in Brasilien.

Am 7. November 1821 traf der Kaiserliche Russische Staatsrath Georg Heinrich v. Langsdorff (1794-1852) in Bremen ein, eine illustre Persönlichkeit, über die die „Bremer Zeitung“ während seines Aufenthalts in der Hansestadt fast täglich berichtete. 1803 hatte der Mediziner an der ersten russischen Weltumseglung teilgenommen, zehn Jahre später wurde er zum kaiserlich-russischen Generalkonsul in Brasilien ernannt, wo er selbst ein Landgut betrieb. In der Nähe von Rio de Janeiro baute er ab 1816 das Landgut Mandioca auf, mit einer ca. 40.000 Pflanzen umfassenden Kaffeeplantage sowie Maniok-, Mais- und Indigo-Anpflanzungen. Bis zu 60 versklavte Menschen arbeiteten dort. Dass die schwere Landarbeit von versklavten Menschen mit afrikanischen Wurzeln verrichtet wurde, begründete Langsdorff als erzieherische, ja gar als zivilisierende Maßnahme. Zudem würden diese Menschen in Brasilien besser als in Nordamerika behandelt.

Nun plante er, von Brake aus nach Brasilien zu fahren, begleitet von europäischen Wissenschaftlern, die im Landesinneren auf eine von Russland finanzierte Forschungsexpedition gehen sollten. Der Raddampfer „Weser“ der Lange-Werft brachte die Gesellschaft von Bremen nach Brake. An Bord der von Kapitän J. Heinrich Stake geführten „Doris“, das erste Zwei-Deck-Schiff des Segelschifftyps Bark der Lange-Werft, fuhren zudem circa 85 potentielle Auswandererfamilien mit, die sich von einem Leben in Brasilien bessere wirtschaftliche Lebensbedingungen versprachen, darunter auch Handwerker, die auf Langsdorffs Gut arbeiten sollten. Sowohl die Siedlungskolonie als auch die Forschungsexpedition waren ganz im Sinne des sich gerade formierenden, jungen brasilianischen Staates, der ein eigenes Wirtschaftssystem aufbaute und im September 1822 seine Unabhängigkeit von Portugal erklärte.

Die Reise-Gesellschaft der „Doris“, Zeichnung von Johann Moritz Rugendas. (c) Focke-Museum

Langsdorff hatte den aus Augsburg stammenden Künstler Johann Moritz Rugendas (1802–1858) engagiert, der die Reiseeindrücke aus Brasilien festhalten sollte. Bei dem Blatt des Focke-Museums, das mit der „Gesellschaft der Doris“ den Auftakt der Reise abbildet, handelt es sich genau genommen um eine Bleistift-Durchzeichnung auf Pauspapier, die Rugendas‘ Vater später nach der Vorlage des Sohnes ausführte. Zu sehen ist eine fröhliche, gesellige Gruppe von Menschen am Bug des Schiffes „Doris“. Zu den Dargestellten gehören u.a. ein Zoologe, ein Oberleutnant, ein Kammerherr, der Kapitän, ein Pater und zwei Damen der Langsdorff-Familie. Nach 58 Tagen kam das Schiff am 5. März 1822 nach einer glücklichen Reise in Brasilien an. Dort zeichnete Rugendas Motive aus der Umgebung Rio de Janeiros sowie vom Langsdorffschen Landgut, während er auf den Start der Forschungsexpedition wartete. Erst im Mai 1824 startete schließlich eine deutlich kleinere Reise als geplant in die Provinz Minas zu den dortigen Gold- und Diamantenminen.

Ein bereits zuvor schwelender Konflikt zwischen Rugendas und Langsdorff führte im November zum endgültigen Bruch, und der junge Künstler kehrte nach Rio de Janeiro zurück, wo er bis Mai 1825 auf die Rückkehr nach Europa warten musste.

Die von Rugendas zwischen 1822 und 1824 angefertigten Skizzen sind die erste umfassende bildliche Darstellung Brasiliens, insbesondere des dortigen Lebens versklavter Menschen afrikanischer Herkunft. In seinem im Großfolioformat publizierten zweiteiligen Band „Malerische Reisen in Brasilien“ sind ihnen lange Abschnitte gewidmet. Sie werden bei der Arbeit in den Minen, der Kaffeeernte und der Zuckerrohrverarbeitung gezeigt (siehe das obige Bild), auch wie sie sich ausruhen oder feiern. Gleichfalls werden die Herrschaft und Gewalt sichtbar, die weiße Menschen ausübten, zum Beispiel auf einem Sklavenmarkt, auf dem Menschen verkauft wurden. Rugendas gab den Menschen ein Gesicht, die mit ihrer Arbeit den Anbau und Handel von Überseeprodukten ermöglichten und entscheidend zum Bremer Reichtum beigetragen haben. In der kommenden Sammlungsausstellung wird das Focke-Museum historische und gegenwärtige Handelsprodukte, die für Bremen bedeutend waren und sind, in einem Supermarktregal zeigen und mit Reproduktionen von Rugendas-Blättern in den Dialog bringen.

Die „Bremer Zeitung“ berichtete regelmäßig über die politischen Vorgänge in Portugal und Brasilien, die einzelnen Etappen der Staatsgründung und die Unabhängigkeitserklärung. Tatsächlich waren diese Rahmenbedingungen von unmittelbarem Interesse für die Bremer Kaufleute, die seit den 1770er-Jahren an der Ostküste Brasiliens handelten. Von dort wurde Zucker, Tabak und Kaffee importiert; exportiert wurde über Bremen Leinen aus Osnabrück, Tauwerk, Glas- und Eisenwaren, Schießpulver und Alkoholika. In der Bremer Wochenzeitschrift „Der Bürgerfreund“ war bereits im Jahr 1817 ein mehrteiliger Bericht über das Leben in Brasilien erschienen. Auch politische Debatten über die Versklavung von Menschen und über staatliche Strukturen, etwa bei der Formierung der jungen südamerikanischen Staaten, waren Teil der Berichterstattung.

Die Gesamtbevölkerung Brasiliens wird zu Beginn des ersten Bandes von Rugendas‘ „Malerische Reise“ mit vier Millionen angegeben, davon seien „843.000 Weiße, 628.000 Farbige, 1.987.500 Schwarze, 300.000 Indier“.  In einer Fußnote wird erläutert: „Bei dieser Angabe ist absichtlich auf das Verhältnis der Freien zu den Sklaven keine Rücksicht genommen worden, und unter dem Ausdruck Farbige, sind alle die verstanden, welche weder Neger, noch Weiße, noch Indier sind“.  

Die Begriffe „Schwarze“ und „N[…]“ werden offensichtlich synonym und in erster Linie auf eine dunkle Körperfarbe bezogen verwendet. Der Begriff „Sklave“ bezeichnet einen Rechtsstatus, in dem sich viele von ihnen befanden. In Bremen (1837) und Brasilien (1888) wurde die Versklavung erst später verboten. Rugendas betonte „die Liebe zur Freiheit“ der Menschen afrikanischer Herkunft. Die Ausführlichkeit ihrer bildlichen und textlichen Darstellung begründete er damit, dass er die große Vielfalt ihrer physischen Erscheinung festhalten und zeigen wolle. Zudem reflektierte er ihre Bedeutung im Kontext der Weltgeschichte.

Nach dem Zerwürfnis mit Langsdorff reiste Rugendas zurück nach Europa, wo er 1825 in Paris Alexander von Humboldt (1769-1859) und den Journalisten Victor Aimé Huber (1800-1869)  kennenlernte; mit beiden verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Es war Huber, der den Text zu Rugendas‘ Brasilien-Buch auf der Grundlage von dessen Notizen und Erzählungen schrieb. 1828 nahm er eine Stelle als Geschichts- und Sprachenlehrer an der Handelsschule in Bremen an, später am Alten Gymnasium. Bereits zwei Jahre später heiratete er Auguste Klugkist (1806–1891), Tochter von Senator Hieronymus Klugkist (1778–1851). Von diesem war 1823 die wesentliche Initiative zur Gründung der Bremer Kunsthalle ausgegangen, sein eigener Sammlungsschwerpunkt waren Handzeichnungen, Kupferstiche und Radierungen. Seine Sammlung vermachte Klugkist 1851 der Kunsthalle, sie bildete den Grundstock des Kupferstich-Kabinetts. Das Blatt des Focke-Museums wird also höchstwahrscheinlich über Huber und Klugkist nach Bremen gekommen sein.

Rugendas‘ Werk findet sich über die ganze Welt verstreut und in Werkverzeichnissen erfasst. Nicht allerdings das Blatt aus dem Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. In der neuen Sammlungsausstellung wird ihm ein besonderer Stellenwert zukommen.

Der Text ist zuerst im Weser-Kurier erschienen (25. Oktober 2025).

Die Photographie Rugendas ist von Franz Hanfstaengls/gemeinfrei