(selbst)wahrnehmung

Seit den 1970er-Jahren leben zahlreiche polnischstämmige Menschen in Bremen. Viele von ihnen kamen als sogenannte Spätaussiedler in die Bundesrepublik. Für die Behörden galten sie als Deutsche; ihre polnische Staatsangehörigkeit mussten sie aufgeben. Diese Situation warf sowohl für die Zuwanderer*innen als auch für ihre in Bremen geborenen Nachkommen tiefgreifende Fragen der Selbstdefinition und Fremdwahrnehmung auf. Insbesondere wird dies am Beispiel der Diskussion um den Polnischunterricht an Bremer Schulen greifbar. Dieser sollte – nach dem von der Studienrätin Felicja Sławatycka entwickelten Bremer Modell – dem binationalen Hintergrund der Kinder gerecht werden. Die Problematik der kulturellen Identität ist noch immer aktuell. Seit der Jahrtausendwende steht die „Sichtbarkeit“ – bzw. die „Unsichtbarkeit“ – der polnischen Community im Fokus

Opfer des eigenen (Integrations-)Erfolgs?

Seite aus der Zeitschrift "Bremen Bild Special" mit einem Foto einer Grundschülerin, die an die Tafel schreibt: Ich wohne in Bremen (auf deutsch und auf polnisch)
Bremen-Bild Special, 1977
Bildquelle: Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen, FSO 02-106/K-199

Der Begriff „unsichtbare Minderheit“ – im Jahr 2000 auf einer internationalen Tagung geprägt – bringt bis heute die Frustration der „Spätaussiedler“ aus Polen der 1970/80er-Jahre zum Ausdruck. Wie verorten sich die jüngeren Generationen in dieser Debatte? Inwieweit klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinander?

vom objekt zum subjekt

Die wegweisende Forschung von Felicja Sławatycka hatte ein zentrales Ergebnis: Die in der Zweitsprache Deutsch vermittelten Inhalte entsprechen häufig nicht den Assoziationsmustern, die zugewanderte Kinder in ihrer Muttersprache entwickelt hatten. Polnischer Literaturunterricht kann daher dazu beitragen, Integrationsprozesse zu fördern.

roter Buchumschlag: Polnisch-Literatur-Unterricht. Identität und Integration - Bremer Modell
Buchumschlag
Felicja Maria Sławatycka: Polnisch-Literatur-Unterricht, Frankfurt (Main): Verlag Peter Lang 1991

Rechte Propaganda und politischer Missbrauch

In seiner Stellungnahme zum „Bremer Modell“ von Felicja Sławatycka wies Bürgermeister Hans Koschnick die Vorwürfe „einiger sogenannter Vertriebenenvertreter“ zurück. Er beklagte die „Diffamierung“ der Oberstudienrätin als „Versuch, die Spätaussiedler für ihre radikalen politischen Vorstellungen anzuspannen“.

Ausschnitt aus der Zeitung "Die Welt" mit einem Leserbrief
Leserbriefe an Die Welt zum Artikel Werbung für Polen im Unterricht vom 20. Juli 1977
Bildquelle: Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen, FSO 02-106/K-199

doch sichtbar?

Seit 2024 strömen Bremer*innen und Gäste an einem Sommertag zum Theater am Goetheplatz. Das Kulturfest der Deutsch-Polnischen Gesellschaft lockt mit Musik, Tanz, Schauspiel und zahlreichen Angeboten für Kinder. Infostände sowie polnische Leckereien laden zum Austausch und gegenseitigen Kennenlernen ein.

Frauen und Kinder tanzen in einem Reigen vor dem Bremer Theater. Sie sind rot und weiß gekleidet.
Tanzen auf dem Deutsch-Polnischen Kulturfest (hinten von links: die Organisatorinnen Christine Jezior und Katarzyna Weichert)
Foto: Bremen, Theater am Goetheplatz, 21. Juni 2025