Untergegangene Mikrowelten
Eine verstärkte Präsenz von polnischen Menschen in Bremen lässt sich erstmals im Zuge der wachsenden Arbeitsmigration des späten 19. Jahrhunderts beobachten. Auch Menschen jüdischen Glaubens wanderten aus polnischen Gebieten in die Stadt ein und bildeten einen beträchtlichen Anteil der sogenannten „Ostjuden“. Diese Zuwanderung prägte einzelne Stadtteile nachhaltig und ließ Lebenswelten entstehen, die sich kulturell wie konfessionell deutlich von jener der protestantischen „Mehrheitsgesellschaft“ unterschieden. Fotografien aus der Vorkriegszeit veranschaulichen die sozial- und alltagsgeschichtlichen Rahmenbedingungen dieser Migration. Einige Aufnahmen zeugen von einer ausgeprägten Tendenz zur Stereotypisierung der Zugewanderten aus Osteuropa, andere dokumentieren neben Akten der Fremdenfeindlichkeit auch Gesten der Solidarität mit den Betroffenen.
„Klein-Galizien“ oder „Waller Vatikan“

Foto: Ludwig-Gerhard Kortegast, um 1931
Bildquelle: Kulturhaus Walle Brodelpott
Vor der fast vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg dominierte die Jute-Fabrik den Stadtteil Walle. Zahlreiche Arbeiter*innen aus Polen siedelten sich in ihrer Nachbarschaft an. Neben der katholischen Marienkirche bot auch eine konfessionelle Schule Raum für religiöses Leben. Im Volksmund wurde die Gegend „Waller Vatikan“ genannt.
Klischeehaftes Gruppenporträt
Die in der Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum der Jute-Spinnerei veröffentlichten, arrangierten Fotos zeigen die Perspektive der Fabrikleitung auf Beschäftigte osteuropäischer Herkunft. Eine Aufnahme mit vier Frauen in Tracht reduziert sie in der Bildunterschrift auf „Typen von Arbeiterinnen“.

Zit. nach: Originalausgabe der Festschrift:
Jute-Spinnerei und Weberei Bremen 1888-1913
polnische Opfer eines Schulmassakers

Foto: Bremen, 24. Juni 1913
Bildquelle: Kulturhaus Walle Brodelpott
Ein endlos erscheinender Trauerzug zeigte Bremens Solidarität mit vier polnischen Familien, deren Töchter an der katholischen St. Marien-Schule erschossen wurden. Der Amoklauf löste deutschlandweit eine Welle politisch-religiöser Kommentare aus. Der Attentäter Heinz Schmidt wurde für unzurechnungsfähig erklärt.
Ein jüdisches Leben in Sebaldsbrück
Geboren im polnischen Jastkowice, zog Abraham Juda Flamm 1904 nach Bremen und betrieb Straßenhandel. 1920 erwarb er ein Grundstück in der Hastedter Heerstraße. Als anerkannter Sänger beteiligte er sich bei den Gottesdiensten der „ostjüdischen“ Gemeinde in Sebaldsbrück. 1941 starb er im KZ Dachau.

geb. 1877, Jastkowice, gest. 1941, Dachau
Bildquelle: Staatsarchiv Bremen