Menschen tragen Särge und lassen sie in Gräber hinab.

Die Pest

Die zersetzende Kraft der pandemie

Von Alexandra Albrecht

Der berühmte Fotokünstler Elliott Erwitt ist mit 95 Jahren in seiner Heimatstadt New York gestorben. Das Focke-Museum erinnert sich mit Bewunderung und Dankbarkeit an ihn und sein Werk: 2011 zeigte es die Sonderschau „Elliott Erwitt. Hunde und andere Zeitgenossen“ des vielseitigen Fotografen. 12.000 Besucher und Besucherinnen sahen die Ausstellung im Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Sie vereinte 220 Motive, die die Kuratorin für Fotografie, Dr. Karin Walter, in Zusammenarbeit mit Magnum Photos ausgewählt hatte. Außerdem waren drei Kurzfilme des Lichtbildners zu sehen, die bis dato in Deutschland kaum gezeigt worden waren. Das Verblüffende im Alltäglichen wahrzunehmen, war die Stärke des Fotografen Elliott Erwitt. Als Fotoreporter der legendären Agentur Magnum dokumentierte er die Treffen der Mächtigen dieser Welt. Ihm gelang es, in nur einem Schnappschuss das angespannte Verhältnis zwischen den USA und der Sowjetunion darzustellen: Präsident Nixon kommt Nikita Chruschtschow bei einem Treffen 1959 gefährlich nahe und stößt mit seinem Zeigefinger auf das Revers des sichtlich irritierten Sowjetführers, der dem fordernden Blick des Amerikaners nicht standhält. Erwitt hat viele bedeutende Politiker vor der Kamera gehabt, aber auch Prominente des Showgeschäfts wie Marilyn Monroe. Und immer wieder – Hunde.

Ihnen verdankte er einige seiner berühmtesten Aufnahmen, wie zum Beispiel das Mischwesen aus Mensch und Bulldogge. Der Vierbeiner verdeckt Oberkörper und Kopf seines Weibchens, auf dessen Schoß er Platz genommen hat. Diese Aufnahme, die in den Straßen New Yorks entstand, war seinerzeit auch in Bremen zu sehen. Erwitts Leidenschaft für Hunde und sein Gespür für Situationskomik ergänzen sich hier auf das Feinste. Wie auch in der Aufnahme, die die Vorderläufe eines Vierbeiners mit den Unterschenkeln einer Frau vereint. Der 1926 in Paris geborene, mit seinem Vater in die USA geflohene Erwitt schlenderte mit seiner Kamera durch Parks und Straßen, wo er die merkwürdigsten Paarungen aus Zwei- und Vierbeinern traf. Denn sein besonderes Interesse galt dem Verhältnis von Mensch und Tier, das er in unzähligen komischen und anrührenden Fotografien festhielt.

Haarige Angelegenheit: Blick auf ein Foto von Elliott Erwitt.

Nicht die Tiere erzeugen in uns das Lachen, sondern ihre Halter, die sie wie ihresgleichen behandeln und ihren Liebling mit Mantel und Mütze gegen die Kälte schützen. Hunde fotografiere er besonders gerne, weil sie ihn nicht um Abzüge bäten, erklärte Elliott Erwitt einmal mit dem ihm eigenen Humor. Die Ausstellung des Focke-Museums zeigte auch 140 Vintage Prints im Kleinformat, Motive, die Erwitt auf seinen vielen Reisen aufnahm. Zwischen 1940 und 1980 entstanden die Alltagsszenen aus Süd- und Nordamerika, aus Frankreich, Polen und diversen anderen Ländern. Am Strand von St. Tropez nahm er in den 1970er-Jahren junge, barbusige Frauen auf, die eine Freiheit genossen, die ihren Müttern noch versagt war. In New York hielt er das Lebensgefühl in den Straßen und Kneipen fest.  

Erwitts Blick für Details, für Linien, Licht und Schatten zeigen den Künstler, der er eben auch war. Zu den schönsten Aufnahmen der Ausstellung gehörte die Ansicht einer kleinen Holzkirche in den Hügeln Virginias, deren hell erleuchtete Fenster verheißungsvoll in die dunkle Nacht strahlen. Fotografie solle eher die Sinne und Emotionen als den Intellekt ansprechen, sagte Erwitt einmal. Ihm gelang beides, weil er das Heitere ernst nahm und das Ernste komisch. Auf Reportagefotografie verstand er sich genauso wie auf Werbung und wurde zum Vorbild nachfolgender Generationen. Er selbst war durch Edward Streichen, Roy Stryker und Robert Capa beeinflusst worden. Letzterer holte ihn zu Magnum, dessen Präsident und Vizepräsident er später wurde. In den vielen Jahrzehnten seines Schaffens entstand ein Werk, das Alltägliches und politisch Bedeutsames, Skurilles und Glamouröses, Komik und Melancholie verband. Sein Blick auf die Welt war zutiefst menschlich. Das Focke-Museum verneigt sich vor dem großen Künstler, der nun gegangen ist. Sein Werk wird bleiben.