Martin Wilmes

EIn Ausgezeichneter Möbeltischler

Von Dr. Uta Bernsmeier

Dem antiken Architekten Vitruv verdankt die Baukunst bis weit in das 20. Jahrhundert ihre Reputation als Mutter aller Künste. Dieser tradierten Einordnung folgend lässt sich die Möbelkunst mit der Betonung von Raumkörpern und Tektonik durchaus als deren nacheifernde Tochter begreifen. In beiden Disziplinen verbinden sich Handwerk und geistige Entwurfsarbeit, beide vereinen Nützlichkeit und Ästhetik, bei beiden handelt es sich um eine das unmittelbare Lebensumfeld prägende Kulturform.

Der in eigenen Werkstatträumen im Bremer Künstler:innenhaus arbeitende Martin Wilmes gehört zu den wenigen Möbeltischlern der Gegenwart, die ihr Gewerk als Kunsthandwerk im Wortsinn ausüben, als eine Disziplin, in welcher das Handwerk als Mittel zur Kunst verstanden wird. Seit Beginn der 2010er-Jahre hat er Schrankmöbel entworfen – freistehend, körperhaft und wandelbar – deren konzeptionelle Nähe zur Architektur der Moderne augenfällig ist. Wilmes kanalisiert seine Gestaltungsideen auf eine Weise, die Funktionalität und Sinnhaftigkeit nicht verleugnet, diese aber primär als ästhetisches Konstrukt begreifen lässt.

Ganz ohne Zweifel sind die Möbel von Martin Wilmes wunderbare Beispiele sublimer Handwerkskunst. Seine Arbeiten sind schon des Öfteren im Focke-Museum zu sehen gewesen, zuletzt 2022 in der Ausstellung „Zeitsprünge“, die Objekte der Mitglieder der Angewandten Kunst Bremen (AKB) inmitten der Museumssammlung präsentierte.

Wilmes selbst macht seine handwerklichen Techniken ungern zum Thema. Er reklamiert für seine Arbeiten zwar nicht den Status autonomer Kunstwerke, abstrahiert aber vom Primat der Zweckgebundenheit zu Gunsten von Rhythmisierung der Fronten und ungewöhnlichen Konstruktionen, welche die Prinzipien des traditionellen Handwerks aufbrechen. Dem Betrachter der außergewöhnlichen Tischlerwerke jedoch sind erläuternde Kommentare zu Materialität und Fertigungstechnik zu gönnen.

Fast ein Klassiker ist der seit 2003 hergestellte Hocker „soloUno“, ein schlichtes, multifunktionales Möbel, bei dem in zahlreichen Varianten die ausdruckstarke Maserung der zusammengefügten Vollhölzer hervorsticht. Bereits hier ist, wie bei den freistehenden Korpusmöbeln, die Absicht erkennbar, „Bilder“ zu erzeugen, die bei den späteren, farbigen Kreationen im Zusammenklang mit einer immer filigraneren Tektonik ausreift.

Aus dem Jahr 2018 stammt der „Kabinettschrank“ aus massiver Esche und Eschenfurnier, die Fronten der acht Koffertüren mit matten Kreidefarben von tiefdunklem Burgunderrot bis zu leuchtenden Rosatönen belegt. Im geschlossenen Zustand wirkt die schlanke Stele hermetisch; auf den ersten Blick hat sie gar nichts gemein mit dem prunkvollen Auftritt barocker Sammlungsschränke. Aber Wilmes‘ Möbel haben viele Gesichter. Mit offenen Türen weitet sich der hohe Pfeiler zu einem Triptychon, das auf vier Etagen ein kleinteiliges Innenleben offenlegt, wie es für historische Kabinettschränke charakteristisch ist. Die Mittelachse dominieren größere Fächer; die Seiten mit farbigen Rückwänden sind mehrfach horizontal oder vertikal unterteilt, in zwei Flügel sind kleine Schubladen integriert. Dem Ganzen liegt ein klares Raster aus variablen Komponenten zugrunde, die eine beachtliche Formenvielfalt erlauben.

Wie der „Kabinettschrank“ gehört das „Schubkastenvertiko“ aus dem Jahr 2015 zu dem Möbelensemble, das 2020 mit dem renommierten Grassipreis der Carl und Anneliese Goerdeler-Stiftung in Leipzig ausgezeichnet wurde. Auch das Vertiko ist allansichtig und präsentiert sich dem Betrachter in unterschiedlichen Ansichten: Als formstrenger Kubus aus amerikanischem Nussbaumholz, der nur durch die tragenden Böden und horizontale Leisten gegliedert ist. Letztere dienen zugleich als Führung in der massiven Rückwand wie als Handhaben um die Laden herauszuziehen, zu wenden und ihre in blaugrünen Pastelltönen gefassten Kehrseiten ins Blickfeld zu rücken.

Spielerischer Umgang mit Fläche und Form bestimmen den gestalterischen Charakter von „Round About“, einer drehbaren Stele, für die Wilmes 2025  den Hessischen Staatspreis erhalten hat. Im Umgang mit der originellen Möbelskulptur lassen sich insgesamt 20 pastellfarbene Schiebetüren zu variantenreichen Farbverläufen zusammenstellen. „Round About“ scheint mit leichter Hand komponiert, ist aber auch ein Produkt handwerklicher Raffinesse, die dem filigranen Gerüst allein durch über Eck gestellte Leisten seine Standhaftigkeit verleiht.

Obwohl mit den Händen arbeitend, ist Martin Wilmes als Entwerfender selbst ein „homo ludens“, der mit seinen Möbeln zum ästhetischen Spiel als einem kulturbildenden Faktor einlädt.