Karrieren der Stunde null

Nach 1945 setzten sich zahlreiche personelle Kontinuitäten aus der NS-Zeit fort. Akteure, die das Regime aktiv unterstützt und an Verbrechen gegen Polen mitgewirkt hatten, konnten ihre berufliche Laufbahnen in der jungen Bundesrepublik häufig fortsetzen. So wurde Kurt Bode Vizepräsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts Bremen. 1939 war er für die Hinrichtung der Verteidiger des polnischen Postamts in Danzig verantwortlich gewesen. Eberhard Lutze, Kunsthistoriker und an der Verschleppung des Krakauer Marienaltars beteiligt, stieg als Leitender Regierungsdirektor zu einer prägenden Figur der Bremer Kulturpolitik auf. Auch der Bremer Literaturpreisskandal um Die Blechtrommel von Günter Grass steht exemplarisch für die Haltung dieser „neuen“ Eliten.

„Blutrichter” an der Spitze der Bremer Justiz

schwarz-weiß-Foto eines mittelalten Mannes. Er trägt die Haare akkurat geschnitten und einen Anzug. Auf der linken Brust ist ein Parteiabzeichen der NSDAP zu sehen.
Kurt Bode
geb. 1895, Posen, gest. 1979, Ratzeburg
Bildquelle: Staatsarchiv Bremen

Kurt Bode verhängte Todesurteile gegen 38 polnische Verteidiger der Danziger Post. Ab 1942 war er als Generalstaatsanwalt des Reichsgaus Danzig-Westpreußen an rund 350 Todesurteilen beteiligt. 1951 begann sein erneuter Aufstieg im bremischen Justizdienst. Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt.

NS-Kunstraub im Lebenslauf des Kulturabteilungsleiters

Mit seiner kunsthistorischen Publikation von 1940 lieferte Eberhard Lutze eine „wissenschaftliche“ Rechtfertigung für den Raub des Krakauer Hauptwerks von Veit Stoß. Die Berufung des deutschen Meisters nach Krakau stellte Lutze als Fortsetzung einer vermeintlichen Kolonisationsleistung dar:

Als um die Wende zum 16. Jahrhundert infolge von mancherlei Blutsvermischung mit den Polen […] und einer leidenschaftlichen nationalistischen Gegenbewegung des polnischen Adels gegen alles Ausländische eine Bedrohung des Deutschtums, eine Unterhöhlung seiner Kultur befürchten lassen mußte, hat die Einwanderung einzelner mächtiger Deutscher noch einmal gezeigt, was kolonialdeutscher Einsatz zu leisten vermochte.

schwarz-weiß-Foto eines älteren Mannes im Anzug mit Fliege
Eberhard Lutze
geb. 1908, Samotschin (Provinz Posen), gest. 1974, Bremen
Bildquelle: Staatsarchiv Bremen
Buchumschlag in graugrüner Farbe mit einem Bild einer hölzernen Marienstatue
Buchumschlag
Eberhard Lutze: Der Krakauer Marienaltar des Veit Stoß, Bremen: Angelsachsen-Verlag 1940

Gefahr für die (Bremer) Jugend

Zeichnung einer Figur mit einem Papierhut, die auf eine große rote Trommel schlägt.
Umschlag der Originalausgabe
Günter Grass: Die Blechtrommel, Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag 1959

Günter Grass‘ Welterfolg Die Blechtrommel schildert u.a. Kriegsereignisse in Danzig. Die Jury des Bremer Literaturpreises sprach ihm 1959 die Auszeichnung zu, der Senat verweigerte sie aus moralisch-sittlichen Gründen. Die bundesweite Kritik führte zur Einsetzung einer politisch unabhängigen Jury.