1968: Aufbruch oder Trauma?
Mit dem Jahr 1968 verbinden Menschen in Polen und Westdeutschland sehr unterschiedliche Erfahrungen. In der Bundesrepublik erschienen die Studentenproteste vielen als Fanal eines gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchs. In der Volksrepublik hingegen markierte 1968 einen Höhepunkt staatlicher Repression, von der vor allem jüdisch-polnische Intellektuelle betroffen waren, die in großer Zahl das Land verließen. Für die Ambivalenz dieser Zeit steht die Biografie des Politikwissenschaftlers Jan Jarosławski, der als Exilant an der neu gegründeten Bremer Reformuniversität eine Anstellung fand. Dort erlebte er die Diskrepanz zwischen seiner eigenen Erfahrung und der – aus polnischer Perspektive naiven – Sicht vieler westdeutscher Marxist*innen auf die sozialistische Realität im „Ostblock“.
Eine polnische Anregung für experimentelles Theater

nach Witold Gombrowicz
Bremen, Concordia-Theater, 1971
Bildquelle: Focke-Museum
In der Ära des Intendanten Kurt Hübner wurde ein Werk des kompromisslosen polnischen Schriftstellers Witold Gombrowicz zum Experimentierfeld neuer Spielformen. Regisseur Wilfried Minks besetzte die Hauptrolle mit einer stummen Kleinwüchsigen und griff zu radikal ungewohnten theatralen Mitteln.
Willkommen an der Reformuni Bremen
Bereits 1972 erhielt der polnisch-jüdische Soziologe und Auschwitz-Überlebende Jan Jarosławski während der Gründungsphase einen Ruf an die Universität Bremen. Auch seine Frau, Halina Jarosławska, wirkte dort als Professorin für Politische Ökonomie. Ihr Engagement gilt als frühes Beispiel internationaler Solidarität innerhalb der Bremer Führungskreise der Umbruchzeit.

Foto: Leonhard Kull, 11. November 1968
Bildquelle: Universitätsarchiv Bremen
eine widerspenstige Doktorarbeit

Jan Jarosławski: Soziologie der kommunistischen Partei, Frankfurt (Main): Campus-Verlag 1978
Jan Jarosławski hatte keine Illusionen: Ebenso wie Marx hat Lenin die Demokratie nie als eine absolute Kategorie, als Wert an sich behandelt. […] so birgt die Struktur Avantgarde-Klasse-Massen schon in ihrem Ansatz die Möglichkeit, die demokratische Methode zugunsten der autoritären aufzugeben.
ansprechpartner europäischer Intelektueller
Jan Jarosławski schrieb seine Dissertation im Austausch mit dem einflussreichen Philosophen Jürgen Habermas. Eine lebenslange Freundschaft verband ihn mit dem großen polnischen Denker Leszek Kołakowski. Bis zu Jarosławskis Tod im Jahr 2020 war seine Bremer Wohnung ein Treffpunkt bedeutender Persönlichkeiten des polnischen öffentlichen und intellektuellen Lebens – darunter der antikommunistische Oppositionelle Adam Michnik.

Foto: Birgitt Rambalski, 22. August 2019
Bildquelle: Privatarchiv Birgitt Rambalski