
Haus Riensberg
Vom Gutshaus zum Museum
Von Dr. Uta Bernsmeier
Idyllisch in einem kleinen Park mit altem Baumbestand liegen die Gebäude des alten Landgutes Riensberg. Auf die hier präsentierten musealen Bestände mit ihrer besonderen ästhetischen und historischen Qualität soll ein verstärktes Besucherinteresse gelenkt werden, denn sie lohnen einen Besuch, nicht nur als Interimslösung während der Sanierungsphase des Hauptgebäudes, das 2028 mit einer neuen stadtgeschichtlichen Sammlungsausstellung wiedereröffnet werden soll.
Die aktuelle Bedeutung von Haus Riensberg zeigt einige Parallelen zu der in den 1950er- Jahren. Im Zweiten Weltkrieg war das Focke-Museum im ehemaligen Altenheim in der Großenstraße, einem spätbarocken Bau, völlig zerstört worden. Sein damaliger Direktor Ernst Grohne hatte die Museumsbestände mit vorausschauender Umsicht rechtzeitig ausgelagert und so gerettet. Ein kleiner Teil der kostbaren Originale war dem Publikum ab Sommer 1953 in einer ersten Dauerausstellung im Gutshaus wieder zugänglich. Das benachbarte Wirtschaftsgebäude „Eichenhof“ mit seiner auch gegenwärtig als „Wissenswerkstatt Archäologie“ geöffneten Abteilung zur Ur- und Frühgeschichte diente nach dem Krieg zunächst als Sonderausstellungsraum des Focke-Museums.
Die gut 70 Jahre musealer Nutzung sind in der Geschichte des Gutes Riensberg freilich nur eine kurze Episode, denn diese reicht bis in das 13. Jahrhundert zurück. Bereits 1213 ist an der Stelle des jetzigen Gutshauses ein von einem Wassergraben umgebener Hof urkundlich nachgewiesen. Bis er in den Besitz der Bremer Kirche gelangte waren hier Lehensleute des Grafen Gerhard von Holstein ansässig. Um 1360 erwarb der spätere Bürgermeister Johann Brand einen Teil des Riensbergs; im Laufe der nächsten 70 Jahre kauften seine Nachkommen dann das gesamte Anwesen.

1599 ging der Riensberg in das Eigentum der Familie von Schöne, bis er 1792 durch Erbschaft in den Besitz der Familie von Post gelangte. Die bauliche Situation von Gutshaus mit Wirtschaftsdiele und nebenstehender Scheune, so wie sie sich heute präsentiert, entstand in zwei unterschiedlichen Phasen. Der von einem Hofmeier bewirtschaftete Gutshof und die Scheune wurden vermutlich um 1700 erbaut. Im Jahre 1768 ließ Otto Christian Schöne dem einem niederdeutschen Bauernhaus entsprechenden Wirtschaftstrakt einen Querbau mit seitlich abgewalmten Schleppdach anfügen, dessen Gartenfront zurückhaltende barockisierende Schmuckelemente zeigt. Dieses neu erbaute Wohnhaus, das der Anlage einen T-förmigen Grundriss gibt, diente der wohlhabenden Familie Schöne zur Sommerfrische. Dabei handelte es sich um die jahreszeitliche Übersiedlung des gesamten Hausstandes aufs Land. Im Herbst kehrte man in die Stadt zurück um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, denn natürlich besaß die wohlhabende Familie Schöne auch ein Stadthaus für die Wintermonate.
Die Ausstattung des Gutshauses muss man sich sehr schlicht vorstellen. Mit dem Leben auf dem Land wollte man zur Sommerszeit nicht nur die klimatischen Vorzüge der freien Natur genießen, sondern auch dem seit der Renaissance propagierten Ideal des einfachen, unverfälschten Landlebens folgen, das mit einer bewussten Bedürfnislosigkeit einherging.
Im Jahr 1792 ging Heinrich Georg von Post mit Gebecke, der Tochter des Bürgermeisters Christian Schöne, den Bund der Ehe ein und gelangt so in den Besitz des Landgutes Riensberg, das später, entsprechend dem Besitzerwechsel, auch unter der Bezeichnung „Postenhof“ bekannt war. Um 1810 ließ man durch den Landschaftsgärtner Isaak Altmann unter Einbeziehung des alten Ringgrabens einen Landschaftspark im englischen Stil gestalten, der in seinen Grundzügen bis heute erhalten ist.

Während der Archivar und Jurist Heinrich Georg von Post das Anwesen hauptsächlich als Sommersitz nutzte, lebte sein 1794 geborener Sohn Isaac auf dem Gut und bewirtschaftete es auch selbst. 1824 heiratete er Metta Catharina von dem Busch. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor: fünf Söhne und die 1838 geborene Margarethe von Post. Sie war die letzte des Familienzweiges, da alle ihre älteren Brüder ohne Nachkommen verstorben waren. Nach dem Tod der Eltern und des letzten Bruders Heinrich Otto war Margarethe von Post 54-jährig Erbin eines ansehnlichen Vermögens. Wie viele Generationen vor ihr, bewohnte sie winters ein Stadthaus und genoss die Sommerfrische auf dem wieder von einem Hofmeier bewirtschafteten Gut Riensberg. Der Lebenszuschnitt der wohlhabenden Frau, die nur zwei kleine Räume im Gutshaus für sich selbst nutzte, war wohl sehr einfach gehalten. Als sie 1913 unverheiratet und kinderlos starb, gingen die Gebäude und das noch nicht veräußerte Terrain in Form einer Stiftung an den Bremer Staat. Der Wunsch der Erblasserin, das Gutshaus möge zur Heimstätte für mittellose Frauen umgebaut werden, konnte durch den Kapitalverlust der Stiftung infolge von Inflation und Weltwirtschaftskrise nicht erfüllt werden. Man kann nur vermuten, dass die von-Post-Stiftung die Liegenschaft zur Mittelakquise an die Stadt Bremen vermietete.
Belegt ist die Vermietung ab dem 1. April 1935 mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Die Stadt verpflichtete sich zur Übernahme „in dem Zustand, in dem sie sich gegenwärtig befinden, ohne Haftung der Stiftung für offene und heimliche Mängel, insbesondere der Gebäude“. Vorteilhaft für die Stiftung war insbesondere die vertragliche Verpflichtung der Mieterin zur Instandhaltung der Gebäude und Pflege der Gartenanlage. Im Oktober 1936 wurde das sanierte Gutshaus als Hauptquartier für den SS-Abschnitt XIV untervermietet; diese Nutzung blieb bis zum Kriegsende bestehen. Für knapp zwei Jahre wurde das Gutshaus von den amerikanischen Streitkräften beschlagnahmt; als es Ende 1946 in einem desolaten Zustand wieder freigegeben wurde, konnten es nicht, wie von Grohne angestrebt, unmittelbar als Museumsgebäude genutzt werden. Zunächst war es an unterschiedliche Nutzer untervermietet worden, die Scheune an Gewerbetreibende, das in mehrere Wohnungen unterteilte Hauptgebäude an private Mieter.
In den ersten zehn Jahren bot das neue Musemsdomizil nur beschränkte Präsentationsmöglichkeiten für einen Teil des vor dem Krieg geretteten Museumsgutes. Ein eigenständiges Profil bekam die Schausammlung hier, nachdem im 1964 fertiggestellten Neubau eine Dauerausstellung zur Geschichte Bremens eröffnet wurde, die nach stilgeschichtlichen Epochen gegliedert war. Schwerpunkte der Ausstellung im Haus Riensberg bildeten die Themenbereiche bürgerliche Wohnkultur, Mode und Porzellankunst. Später wurde mit dem 1906 von Heinrich Vogler entworfenen „Zimmer einer jungen Frau“ ein herausragendes Ensemble im Sinne eines Gesamtkunstwerkes des Jugendstils eingebaut.

Nach grundlegender Sanierung der Bausubstanz eröffnete Haus Riensberg 2005 mit einem neuen Ausstellungskonzept: Mode, Porzellan und Glaskunst, integriert in eine chronologische Darstellung bremischer Wohnkultur sollen Epochenbilder entstehen lassen. Zuvor hatte man durch allerlei dekorative Elemente die Illusion authentischer Raumausstattungen entstehen lassen; jetzt sollte die museale Inszenierung hervorgehoben werden. Die Möbel sind auf Podesten platziert, Kostüme in Vitrinen ausgestellt, die mit breitem Rahmen an einen Bühnenraum denken lassen und die großflächigen Landschaftstapeten korrespondieren mit bemalten Porzellanen als Beispiele verfeinerter bürgerlich-urbaner Lebenskultur. Neu dazugekommen war das Kindermuseum mit seiner Spielzeug-Sammlung „Kinderleben – Kinderspiel“. Mit sozialhistorischen Fragestellungen werden hier innovative Ansätze realisiert. Kreativ arbeiten können Kinder und Jugendliche in zwei Räumen, die für Bildung und Vermittlung eingerichtet wurden. In Haus Riensberg sind zudem regelmäßig kleine Sonderschauen zu sehen, die einen Bezug zu der Sammlung haben, erinnert sei hier nur an die Kabinettausstellungen zu Bernhard Hoetger und Heinrich Vogeler.
